{"id":5,"date":"2011-12-01T18:57:09","date_gmt":"2011-12-01T16:57:09","guid":{"rendered":"http:\/\/stevefrontera.de\/2011\/12\/01\/5\/"},"modified":"2011-12-01T18:57:09","modified_gmt":"2011-12-01T16:57:09","slug":"5","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/stevefrontera.de\/?p=5","title":{"rendered":""},"content":{"rendered":"<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 14pt\">Die rote Kiefer <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Der Roman erz\u00e4hlt von Gewinnern  und Verlierern der Umgestaltung des sowjetischen Wirtschaftssystems. Er spielt  in der Kleinstadt Krasnaja Sosna, in der N\u00e4he des Zentrums der russischen  Automobilindustrie Togliattigrad an der Wolga.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Er erz\u00e4hlt die Geschichte des  Kaufmannes Morjakin, dessen Tochter Tatjana unter mysteri\u00f6sen Umst\u00e4nden den Tod  findet. Nach diesem Schicksalsschlag pflegt Morjakin  Kontakt zu zwei blutjungen  Dirnen. Er unterst\u00fctzt die Studentin Warja und versucht, der sechzehnj\u00e4hrigen  drogenabh\u00e4ngigen Melanie zu helfen.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Eine weitere Hauptfigur des  Romans ist der Unternehmer Pavel Smirnov, der von  Schutzgelderpressern bedroht  wird. Sein Sohn Sergei ist mit Andrei Prokov, der mit Alkoholproblemen zu  k\u00e4mpfen hat, sowie mit dem psychisch kranken Medizinstudenten Peter Korsakov,  befreundet. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">  <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><em><span style=\"font-size: 11pt\">Der r\u00e4tselhafte Tod der Tatjana Morjakin<\/span><\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Am 4. Juli 1995 geschah in  Krasna Sosna etwas Schreckliches. Tatjana, die Tochter des Kaufmannes Morjakin,  wurde wenige Meter von ihrem roten Mazda MX 5 Cabrio entfernt, tot aufgefunden.  Dem jungen M\u00e4dchen wurde der Bauch aufgeschlitzt und die Leber und das Herz  herausgeschnitten. Blutverschmiert lag sie da im Stra\u00dfengraben neben der  Karosserie ihres Autos, das sich \u00fcberschlagen hatte. Tatjana lag tot auf dem  R\u00fccken. Ihr wei\u00dfer Pullover, die ebenfalls wei\u00dfe Bluse und der BH lagen  heruntergerissen direkt neben ihrer Leiche. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><strong><span style=\"font-size: 11pt\">&#8230;&#8230;<\/span><\/strong><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Gegen Nachmittag erschien die  Polizei ein zweites Mal im Hause Prokov. Egerov, der  Polizeichef von Krasnaja  Sosna, wurde von einem Kommissar aus Kuibyschev namens Brudzinski begleitet.  Brudzinki war ein kleiner, jedoch sehr athletischer Mann. Er  trug einen  hellgrauen Trenchcoat und einen Lederhut. Mit diesem Outfit erf\u00fcllte er die  Klischees, wie ein Kommissar auszusehen habe. Nachdem Brudzinski sich  vorgestellt hatte, behauptete er: \u0084Tatjana wurde Opfer eines Mordes.\u0093  <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Brudzinski hatte seit ein paar  Jahren mit der Bek\u00e4mpfung des organisierten Verbrechens, insbesondere mit  Schutzgelderpressungen, zu tun.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Tatjanas Vater war ein  ausgesprochen erfolgreicher Kaufmann. M\u00f6glicherweise hatte die Mafia einen  perversen Killer angeheuert, um Morjakin psychisch zu vernichten, so vermutete  zumindest der Kommissar. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><strong><span style=\"font-size: 11pt\">&#8230;&#8230;<\/span><\/strong><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Brudzinski fragte noch: \u0084 Haben  Sie irgend einen Verdacht?\u0093 worauf zun\u00e4chst keiner der Anwesenden eine Antwort  wu\u00dfte. Daraufhin verabschiedeten sich die beiden Polizisten. Sergei Smirnov  begann zu gr\u00fcbeln. Er konnte die Mafiatheorie nicht glauben, er vermutete den  \u00dcbelt\u00e4ter im Kreise der Exfreunde Tantjanas. Sie hatte, seit Wladimir, der  Pilot, mit ihr Schlu\u00df gemacht hatte, Beziehungen zu mehr als f\u00fcnf jungen M\u00e4nnern  gehabt, von denen keine l\u00e4nger als ein Vierteljahr gedauert hatte. \u0084 Mafia, das  gibt es doch nur in Gro\u00dfst\u00e4dten. Dieser Kommissar vermutet schon hinter jedem  falsch geparkten Auto die Mafia\u0093, meinte Sergei.   <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><em><span style=\"font-size: 11pt\">  <\/span><\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><em><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><em><span style=\"font-size: 11pt\">Der Detektiv Gennadi  Rozanskov  (genannt Rockford)<\/span><\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><em><span style=\"font-size: 11pt\">hilft Pavel Smirnov  (Eigent\u00fcmer einer kleinen Fabrik), der von Schutzgelderpressern bedroht wird.   <\/span><\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><em><span style=\"font-size: 11pt\">Smirnov soll Geld in seinem  Briefkasten deponieren. Daraufhin beobachtet der Detektiv in einem Ford Transit  Smirnovs Haus rund um die Uhr. Zwei M\u00e4nner in einer schwarzen Limousine holen  das Geld gegen Mitternacht ab. Der Detektiv folgt den Gangstern bis zur gro\u00dfen  Industriestadt Togliattigrad. Die Gangster verschwinden in einem Wohnblock am  Rande der Stadt. Gennadi teilt diese Adresse Smirnov mit. Smirnov erteilt den  Auftrag, dieses Haus weiter zu beobachten, um Hinterm\u00e4nner und Auftraggeber der  Erpressung heraus zu bekommen. <\/span><\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><em><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Gennadi sa\u00df f\u00fcnf Stunden hinter  den Vorh\u00e4ngen des Lieferwagens, bis ein kleiner dunkelblonder Mann den Wohnblock  verlie\u00df. Der fremde Mann hatte ein schmales, spitziges Gesicht und einen kleinen  Schnurrbart, seine Unterarme waren mit gro\u00dfen gr\u00fcnen Buchstaben t\u00e4towiert.  Dieser Mann sieht aus wie ein Verbrecher, dachte sich der Detektiv und in der  Tat, der Unbekannte bestieg die schwarze Wolga Limousine. Gennadi Rozanskov  kletterte auf den Fahrersitz des Lieferwagens. Er mu\u00dfte den Dieselmotor eine  halbe Minute lang vorgl\u00fchen. Der Wolga war inzwischen um die Kurve gefahren.  Endlich erlosch die orange Lampe, die das Ende des Vorgl\u00fchvorgangs anzeigte.  Gennadi drehte hektisch den Schl\u00fcssel herum, es gelang ihm zun\u00e4chst nicht, das  Lenkradschlo\u00df zu entriegeln. Er r\u00fcttelte am Steuerrad herum, endlich lie\u00df sich  der Schl\u00fcssel drehen. Der Transit sprang auf der Stelle an, Gennadi legte den  Gang ein und brauste davon. Als er die Kreuzung erreicht hatte, konnte er in  einer Entfernung von etwa 300 Metern den Wagen des Gangsters erkennen. Er gab  Vollgas, der Abstand zu dem schwarzen Wagen verringerte sich. Der Wolga bog nach  rechts in Richtung Moskau ab und fuhr auf eine vierspurige Umgehungsstra\u00dfe. Der  Abstand zwischen den beiden Fahrzeugen wurde kleiner, er schrumpfte auf 100  Meter, als eine Ampel auf Rot umschaltete. Der Wolga fuhr bei Gelb gerade noch  \u00fcber die Kreuzung. Im R\u00fcckspiegel des Ford Transits war ein Lada Nova der Miliz  zu erkennen. \u0084Verdammter Mist\u0093, fluchte Gennadi. Er war sich in diesem Moment  unsicher, ob er stehen bleiben, oder einfach bei Rot die Kreuzung \u00fcberqueren  sollte. Der Detektiv gab Gas und raste \u00fcber die Kreuzung, obwohl die Ampel schon  seit mindestens vier Sekunden auf Rot geschaltet hatte. Der Lada der Miliz  schaltete das Blaulicht ein und folgte Gennadis Lieferwagen. Der Polizeiwagen  r\u00fcckte schnell n\u00e4her und \u00fcberholte Gennadis lahmen Lieferwagen. Mit einer roten  Kelle wurde er zum Anhalten gezwungen. \u0084Ausgerechnet jetzt halten mich die  Bullen an!\u0093 sagte er zu sich selbst, bevor er das Seitenfenster \u00f6ffnete. \u0084Guten  Tag\u0093, gr\u00fc\u00dfte Gennadi freundlich.  \u0084Ich glaube, ich habe einen Fehler gemacht!\u0093  entschuldigte er sich. \u0084Haben Sie die rote Ampel nicht gesehen?\u0093 fragte einer  der beiden Polizisten. \u0084 Ja, schon, ich habe gerade an meine Geliebte gedacht \u0093,  antwortete Gennadi, dem auf die schnelle keine bessere Ausrede einfiel. \u0084 Sie  hat wundersch\u00f6ne dunkle Augen\u0093, phantasierte der mit allen Wassern gewaschene,  um die zwei Polizisten gn\u00e4dig zu stimmen. \u0084Ich hatte ein bi\u00dfchen Versp\u00e4tung,  stellen sie sich vor, ich mu\u00dfte an der Tankstelle da unten eine halbe Stunde  warten, bis ich an der Reihe war\u0093, log der Detektiv. Die Polizisten  schmunzelten. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">\u0084Meine Nadjuscha wartet  bestimmt schon seit einer Viertelstunde auf mich!\u0093<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Gennadi \u00f6ffnete das  Handschuhfach und holte eine Schachtel Marlboro heraus. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">\u0084 Raucht ihr eigentlich?\u0093  fragte er scheinheilig. Der \u00e4ltere der beiden Polizisten ber\u00fchrte Gennadis Kopf  und streichelte ihn f\u00fcr eine Sekunde v\u00e4terlich. Danach klopfte er ihm auf die  Schulter,  nahm sich eine Zigarette aus der Marlboroschachtel und w\u00fcnschte eine  gute Weiterfahrt. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">\u0084Da habe ich noch einmal Gl\u00fcck  im Ungl\u00fcck gehabt\u0093, sagte sich Rozanskov und blickte nach vorne. Der schwarze  Wolga war nat\u00fcrlich verschwunden. Gennadi glaubte, ihn nach links in ein  Villenviertel abbiegen gesehen zu haben. Ziellos fuhr Gennadi die Stra\u00dfen des  Villenviertels auf und ab. Er hoffte, den Wagen der Gangster irgendwo stehen zu  sehen. Er fuhr jede Stra\u00dfe auf und ab, seine Stimmung verschlechterte sich  zusehends.   <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Er hatte sich schon fast dazu  entschlossen, nach Krasnaja Sosna zur\u00fcck zu kehren um seinen Teilerfolg zu  feiern, als er am Stra\u00dfenrand der Villensiedlung einen schwarzen Wolga stehen  sah. Gennadi bremste und blickte auf die Fahrzeugnummer, denn Autos dieses Typs  und dieser Farbe sind in Ru\u00dfland nicht gerade selten. Tats\u00e4chlich, es war der  selbe Wagen, den die mutma\u00dflichen Erpresser benutzt hatten. Gennadi blickte um  sich, er war in eine der exklusivsten Gegenden der Stadt geraten. Das Haus, vor  dem der Wolga stand, war von einer zwei Meter hohen Betonmauer umgeben. Durch  ein schwarzes schmiedeeisernes Tor konnte man auf ein circa 4000 Quadratmeter  gro\u00dfes Grundst\u00fcck sehen. Hinter einem kleinen Fichtenw\u00e4ldchen war ein wei\u00dfes  Bungalow zu erkennen. Gennadi wurde durch das Gebell mehrerer Hunde erschreckt,  als er das Seitenfenster \u00f6ffnete. Um unauff\u00e4llig zu wirken, holte er einen  Karton aus dem Laderaum und tat so, als w\u00fcrde er beim Haus gegen\u00fcber Ware  ausliefern. Dabei warf er auch einen Blick auf das schmiedeeiserne Tor, an dem  au\u00dfer einem Schild \u0084 Warnung vor dem Hunde\u0093 und der Hausnummer 24 nichts zu  erkennen war. Wer w\u00fcrde hinter dieser T\u00fcre wohl wohnen ?  Am Briefkasten war  kein Namensschild  zu sehen. Gennadi bestieg seinen Lieferwagen und fuhr 100  Meter zur\u00fcck, als ihm ein alter Mann mit einem Dackel entgegen kam. Der Detektiv  beugte sich aus dem Autofenster und sprach:<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">\u0084 Guten Tag, ich bin vom  Versandhaus, ich soll bei der Hausnummer 24 Ware ausliefern. Wissen Sie wer dort  wohnt?\u0093      <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">\u0084Hier wohnt Herr Yosip  Bulotschnik\u0093, antwortete der Spazierg\u00e4nger freundlich. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Freudig \u00fcber die positiven  Ergebnisse seiner Nachforschungen kehrte Gennadi zu Pavel Smirnov zur\u00fcck.  <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Smirnov befand sich gerade im  Garten seines gepflegten Holzhauses und fegte mit einem Rei\u00dfigbesen die Treppe.  Als Gennadi vor seinem Haus hielt, sprang Pavel aufgeregt zum Zaun und fragte: \u0084  Hast du schon etwas heraus bekommen?\u0093 <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">\u0084 Ich glaube, es ist besser,  wenn wir nach drinnen ins Haus gehen und \u00fcber die Angelegenheit dort sprechen\u0093,  meinte der Detektiv. Smirnov warf seinen Rei\u00dfigbesen auf der Stelle zu Boden und  eilte zur Haust\u00fcr. \u0084Komm nur herein!\u0093 sagte er erwartungsvoll. Die beiden M\u00e4nner  nahmen auf der Ledergarnitur im Wohnzimmer Platz, Olga Smirnovna stand gerade in  der K\u00fcche und sch\u00e4lte Kartoffeln. \u0084 Bitte mach uns hei\u00dfen Kaffee!\u0093 befahl Pavel  seiner Gattin. Olga nickte willig.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Gennadi erz\u00e4hlte ausf\u00fchrlich  und der Reihe nach den Hergang der Ereignisse des vergangenen Tages. Als er die  Geschichte vom verst\u00e4ndnisvollen Polizisten schmunzelnd mitteilte, rutschte  Pavel auf dem Sofa nerv\u00f6s hin und her: \u0084 Ich will das Wesentliche wissen!\u0093 rief  er. \u0084 Ich will wissen, wer hinter der ganzen Sache steckt!\u0093 <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">\u0084Der Kopf der Bande hei\u00dft  vermutlich Yosip Bulotschnik\u0093, sagte Gennadi leise und blickte \u00fcber die  Schulter. \u0084 Was! Bulotschnik, das gibts doch nicht! Bulotschnik war mein  fr\u00fcherer Chef. Dieses Schwein! Da\u00df er so etwas n\u00f6tig hat, das gibt\u0092s doch  nicht!  Vor zehn Jahren war er mein direkter Vorgesetzter.  Damals war er  Exportchef f\u00fcr s\u00e4mtliche europ\u00e4ische L\u00e4nder. Heute geh\u00f6ren ihm Anteile der  russischen Autoindustrie und viele kleine Fabriken. Der raffgierige Sack kann  wohl \u00fcberhaupt nicht genug bekommen. Ich werde zu ihm gehen und ihm geh\u00f6rig die  Meinung sagen, ich werde ihn verpr\u00fcgeln!\u0093 \u0084 Bleib ruhig Pavel, am besten du  besprichst die ganze Sache mit deinem Sohn Petr, er hat einen k\u00fchlen Kopf\u0093,  meinte Olga, die im Hintergrund hie\u00dfen Kaffee servierte. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">\u0084 Sie werden dich umbringen,  wenn du deine Nase weiterhin so tief in die Angelegenheit steckst\u0093, warnte Olga  ihren Mann. \u0084 Und wenn sie mich umbringen, so leicht lasse ich mich nicht  kleinkriegen!\u0093 rief Smirnov trotzig. \u0084Gennadi, du hast gute Arbeit geleistet\u0093,  lobte Pavel, holte aus seinem Tresor dreihunderttausend Rubel und dr\u00fcckte dem  Detektiv die Scheine in die Hand. \u0084Ich werde wieder zu dir kommen, wenn ich dich  brauche, aber ich mu\u00df jetzt alleine sein und mir eine Strategie \u00fcberlegen.\u0093  <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Wenige Minuten nachdem Gennadi  das Haus verlassen hatte, kam Pavels Sohn Sergei von der Arbeit nach Hause.  Pavel sa\u00df mit gesenktem Kopf im Sessel und starrte auf den Teppich. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">\u0084 Was ist los Vater?\u0093 fragte  er. \u0084 Meine lieben Kinder, ihr seid die einzigen, zu denen ich Vertrauen habe.  Bitte rufe auch die kleine Vera herein, sie sitzt in ihrem Zimmer und lernt f\u00fcr  die Schule. Ich mu\u00df mit euch etwas besprechen.\u0093 Pavel hatte mit seinen Kindern  bisher noch nie im einzelnen \u00fcber seine Konten in der Schweiz gesprochen.  <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">\u0084 Mein ehemaliger Chef  Bulotschnik ist ein Verbrecher, er erpre\u00dft mich, weil er wei\u00df, da\u00df ich \u00fcber  erfundene Hotel- und Benzinrechnungen Geld auf die Seite geschafft habe. Ich  habe es nur f\u00fcr euch, meine lieben Kinder, getan. Ihr sollt auch sp\u00e4ter einmal  im Wohlstand leben und meinen Betrieb weiter f\u00fchren. Der fette Bulotschnik  selbst hat auch illegal erworbene Gelder in der Schweiz. Er hat dies sogar  zugegeben, als wir beide zusammen in einer Weinstube sa\u00dfen und drei Liter Wein  getrunken hatten. Ich f\u00fcrchte, da\u00df der Fettsack, mein Hab und Gut besch\u00e4digen  wird, sofern ich kein Schutzgeld bezahle. Mein Auto hat er schon gerammt. Ich  f\u00fcrchte sogar, da\u00df er euch kidnappen k\u00f6nnte.\u0093<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Die sechzehnj\u00e4hrige Vera wurde  bleich im Gesicht und sprach: \u0084 Was machst du nur f\u00fcr Sachen, lieber bin ich arm  und mu\u00df keine Angst haben. Gibst du den Gangstern das Geld, werden sie dich in  Ruhe lassen.\u0093 <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">\u0084 Sie werden mich so lange  nicht in Ruhe lassen, bis ich keinen einzigen Rubel mehr habe. Ich bin schwer  entt\u00e4uscht von Bulotschnik, ich hielt ihn bislang f\u00fcr einen loyalen Kumpel. Ich  habe ihn unterst\u00fctzt, wo es nur ging und nun versucht der reiche Geldsack, mir  mein Verm\u00f6gen zu rauben.\u0093 Der junge Sergei Smirnov meinte:<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">\u0084 Ich vermute, da\u00df die Idee,  dich zu erpressen, gar nicht von Bulotschnik selbst stammt, vielleicht ist er  Mitglied einer kriminellen Vereinigung und spielt dort seine Rolle. Die M\u00e4nner,  die das Geld abgeholt haben sind kleine Fischchen in einer gro\u00dfen Organisation  des Verbrechens. Die Skrupellosen werden sich durchsetzen, solange in unserem  Land diese Anarchie herrscht. Ich habe mir die neue Gesellschaft ganz anders  vorgestellt.\u0093<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 12pt\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><em><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><em><span style=\"font-size: 11pt\">Der Medizinstudent Peter  Korsakov war Exfreund von Tatjana Morjakina<\/span><\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Inzwischen verfestigte sich die  Freundschaft zwischen dem Medizinstudenten Korsakov und  Sergei Smirnov. Sie  diskutierten \u00fcber sehr viele Dinge, vor allem dar\u00fcber, wie man sein Leben  gestalten k\u00f6nne, die beiden r\u00e4tselten  immer wieder \u00fcber den Tod von Tatjana  Morjakina. Peter meinte: \u0084Die Seele des Kindes ist durstig wie ein Schwamm, der  sowohl Gutes wie auch B\u00f6ses aufsaugt. Ich erinnere mich noch, als die kleine  Tanja (Kurzform von Tatjana) ein Kind war.  Sie streichelte sie die K\u00e4lbchen und  L\u00e4mmchen, sie pfl\u00fcckte die Blumen und beobachtete die V\u00f6gelchen. Bevor sie tot  war, wurde ihre Seele l\u00e4ngst get\u00f6tet. Die M\u00f6rder ihrer Seele sitzen in Tokio, in  Paris und in New York und \u00fcberall dort, wo Geldgier und Konsumterror herrschen.  Anstatt sich \u00fcber die Sch\u00f6nheit einer Blume oder \u00fcber die Geburt eines K\u00e4lbchens  zu freuen, blickte Tanja auf ihr Auto und ihre teuren Kleider. Wenngleich sie in  Krasnaja Sosna die Sch\u00f6nste und Wohlhabendste war, es fand sich in Kuibyschev  <em>(Gro\u00dfstadt an der Wolga, 1,1 Millionen Einwohner<\/em>) immer ein M\u00e4dchen, dem  sie nacheiferte. Sie wollte gesehen werden, alle M\u00e4nner sollten sehen, da\u00df sie  sch\u00f6n und reich war. Anstatt von mir geliebt zu werden, wollte sie gesehen  werden. Auch ich sollte gesehen werden, doch ich war ihr nicht gut genug  gekleidet, sie hielt mich f\u00fcr eine Schlafm\u00fctze, die ich auch bin. Ich w\u00e4re gerne  mit ihr am Waldrand gelegen und h\u00e4tte sie in Einheit mit der Natur gek\u00fc\u00dft und  gestreichelt. Doch sie sprach nur davon, wo es was g\u00fcnstig zu kaufen g\u00e4be.  Verblieben zwei Stunden des M\u00fc\u00dfigganges, so organisierte sie sich einen  Videofilm. Abscheuliche Grausamkeiten und blutr\u00fcnstige Verbrechen prallten an  ihrem Herzen ab, als h\u00e4tte sie einen Walt Disney Kinderfilm gesehen.  Normalerweise sollte der Mann die Rolle des Besch\u00fctzers spielen, doch ich  versp\u00fcrte Angst, wenn ich mit ihr zusammen war. Es war die Angst, ihren  Anspr\u00fcchen nicht gewachsen zu sein. Ich glaube nicht, da\u00df ich das Medizinstudium  schaffen werde, m\u00f6glicherweise wird es mir ebenso wie dir ergehen, denn ich  bef\u00fcrchte, da\u00df ich den selben Beruf wie mein Vater niemals erfolgreich aus\u00fcben  kann. Seit ich Tatjana nicht mehr habe, ist das Leben f\u00fcr mich gr\u00e4\u00dflich, das  Schlimmste ist das fr\u00fche Aufstehen am Morgen. Aus den warmen Federn zu kriechen  und sich in eine gef\u00fchlskalte Welt hinaus zu begeben, es ist einfach gr\u00e4\u00dflich.  In dem Krankenhaus, in dem ich mein Praktikum machte, herrscht wirklich eine  eiskalte Atmosph\u00e4re. Es dominieren die Apparate, einzig die Krankenschwestern  geben ein wenig Herzlichkeit, f\u00fcr die die \u00c4rzte keine Zeit haben. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Mir graut schon wieder vor dem  n\u00e4chsten Semester, das Aufstehen bei f\u00fcnfzehn oder zwanzig Grad minus im Winter  ist, als w\u00fcrde ich aus dem warmen Mutterbauch gesto\u00dfen und in einer eiskalten  H\u00f6hle mir selbst \u00fcberlassen. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Noch schlimmer als das  Aufstehen ist die Tatsache, st\u00e4ndig von Gel\u00fcsten aller Art geplagt zu werden,  w\u00e4hrend mich das Besch\u00e4ftigen mit meinem Studium mir zu oft Unlust bereitet.\u0093  <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><em><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><em><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><em><span style=\"font-size: 11pt\">Warja  (21 )ist  Gelegenheitsprostituierte und Geliebte von Grigori Morjakin, der ihr das Studium  in Italien finanziert. In Monte Carlo hatte sie den jungen Tennisprofi Jiri ( 18  Jahre) kennengelernt. <\/span><\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><em><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-right: 9.9pt\" class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Wenige Tage sp\u00e4ter verlie\u00df Warja Ru\u00dfland wieder. Sie  plante einen Zwischenstop in der Tschechischen Republik ein, um ihren Freund  Jiri zu besuchen. Jiri hatte ihr mehrere Briefe geschrieben und ihr mitgeteilt,  da\u00df er sie gerne wiedersehen w\u00fcrde. Langsam fuhr der Zug in den Prager Bahnhof  hinein. Die Bahnsteige waren mit einer gigantischen Glaskuppel, die von einer  Stahlkonstruktion getragen wurde, \u00fcberdacht. Mit schnellem Schritt durchquerte  Warja die Bahnhofshalle, in der sich die Fahrkartenschalter befinden.   <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-right: 2.8pt\" class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">In  der rot gefliesten Bahnhofshalle des Hauptbahnhofs glaubte sie, sich in einer  k\u00fcnstlichen Welt, in einer Raumstation oder in einem Raumschiff zu befinden. Es  war der naturfremdeste Ort, an dem sie sich jemals aufgehalten hatte. Warja  hastete zum Ausgang. Sie war gl\u00fccklich, als sie das nat\u00fcrliche Licht des  Bahnhofsvorplatzes sehen konnte und ein paar B\u00fcsche und B\u00e4ume im Park betrachten  durfte. Jiri wohnte ganz in der N\u00e4he eines renomierten Tennisvereins am Rande  der Stadt, der mit der Stra\u00dfenbahnlinie 6 zu erreichen war. \u00dcber der Stadt  thronte das Museumsgeb\u00e4ude mit seiner barocken Fassade, nach dem Hradschin das  wohl eindrucksvollste Geb\u00e4ude der tschechischen Hauptstadt. Warja spazierte  hinunter zum Wenzelsplatz. Es war ein hei\u00dfer Fr\u00fchsommertag, die Temperatur hatte  die 25 Grad \u00fcberschritten. Warja zog ihre Sandalen aus und spazierte barfu\u00df den  Wenzelsplatz hinunter in Richtung Moldau. Die Pflastersteine waren hei\u00df, ihre  F\u00fc\u00dfe brannten. Es war ein seltsames Gef\u00fchl, mit nackter Haut einen Platz, auf  dem Geschichte geschrieben wurde, hinunter zu gehen. An ihren Beinen stellten  sich die kleinen, blonden H\u00e4rchen auf, es war ein Gef\u00fchl der Andacht und  Bewunderung. Warja f\u00fchlte sich in der Millionenstadt als kleines W\u00fcrmchen.  Wieviele bedeutende Menschen w\u00fcrden \u00fcber diesen Platz wohl schon gegangen sein?  Warja w\u00fcnschte, ber\u00fchmt wie Michael Jackson, der in jeder Stadt dieser Welt die  Stadien f\u00fcllt, zu sein. Als kleiner Trost blieb die Tatsache, da\u00df die meisten  der Menschen, die sie an jenem Tag auf dem Wenzelsplatz sehen konnte, ebenso  unbedeutend waren wie sie. Sie holte aus ihrer Reisetasche einen Brief Jiris, in  dem der Weg zu seiner Wohnung am Stadtrand beschrieben war, heraus. Im Gewirr  der gro\u00dfen Stadt die richtige Stra\u00dfenbahnlinie zu finden, bereitete ihr  Schwierigkeiten. Endlich konnte sie den Bahnsteig, auf dem die Linie 6 wegfuhr,  finden. Sie bestieg eine klapprige gelb-rot get\u00fcnchte Stra\u00dfenbahn. Warja liebte  die alten klapprigen Stra\u00dfenbahnen, denn sie waren eine Erinnerung an ihre  Kindheit. In Italien hatte sie die modernen orangefarbenen Busse benutzen  m\u00fcssen, die ihr \u00fcberhaupt nicht gefielen. Die modernen Busse haben keine Seele,  dachte sie und mu\u00dfte sich im selben Augenblick widersprechen. Eigentlich ist es  ein Unsinn, von seelenhaften und seelenlosen Dingen zu sprechen. Die Dinge, die   man als seelenhaft bezeichnet und die man liebt, sind ein Spiegelbild der  eigenen Seele.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin-right: 2.8pt\" class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Auf  ihrer Fahrt wurde sie von den Eindr\u00fccken fast erdr\u00fcckt. Fremde H\u00e4user und fremde  Menschen zogen an ihr vorbei und diese Fremdheit l\u00f6ste ein zwiesp\u00e4ltiges Gef\u00fchl  aus. Es bestand aus der Freude, die gro\u00dfe weite Welt erkunden zu d\u00fcrfen und aus  der deprimierenden Stimmung, von niemandem beachtet zu werden. Zu diesem Gef\u00fchl  pa\u00dfte die Allgegenwart der Skoda Automobile. Die Autos schienen wie Freunde aus  einer vertrauten und dennoch fremden Welt. Auf den Stra\u00dfen waren f\u00fcnf  Generationen Skodas zu sehen. Vor allem der Anblick der ganz alten Modelle aus  den f\u00fcnfziger und sechziger Jahren stimmte Warja traurig. Die alten Autos werden  in ein paar Jahren ebenso aus dem Stra\u00dfenbild verschwinden, wie meine  Urgro\u00dfeltern aus dieser Welt verschwunden sind. <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-right: 1cm\" class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-right: 1cm\" class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-right: 1cm\" class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Warja  blickte dem Stra\u00dfenbahnfahrer ins Gesicht. Sein Gesicht war ruhig und  ausgeglichen, es zeigte weder Freude noch Frust. Er hatte volle B\u00e4ckchen und  einen kleinen blonden Schnurrbart. An was wird dieser Mann wohl denken? Denkt er  vielleicht, ich fahre gerne Stra\u00dfenbahn, oder denkt er sich, hoffentlich ist  mein Dienst f\u00fcr heute bald vor\u00fcber, ich freue mich auf ein gutes Bier und meine  Frau.  <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-right: 2.8pt\" class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Die  Schienen der Bahn sah Warja als Symbol des Lebens, das in geordneten Gleisen  verl\u00e4uft, sie dachte: \u0084W\u00e4re ich der Fahrer, w\u00fcrde ich mir w\u00fcnschen, die Bahn  w\u00fcrde abheben und fliegen k\u00f6nnen. Ich w\u00fcrde mir w\u00fcnschen, ich k\u00f6nnte nach  Schanghai, Paris oder San Francisco fliegen und dort weiter Stra\u00dfenbahn fahren.\u0093  In Gedanken versunken, erreichte Warja die Endhaltestelle der Stra\u00dfenbahnlinie.   Von dort aus mu\u00dfte sie noch f\u00fcnf Stationen mit dem Bus fahren. Der Bus hielt in  einer Neubausiedlung aus Plattenwohnblocks, die alle gleich aussahen. Warja  \u00f6ffnete erneut ihre Reisetasche und holte den Zettel mit Jiris Adresse heraus.  Ihre Bekanntschaft aus Monte Carlo, Jiri Holub, wohnte im dritten Stock eines  grauen Wohnblocks. Als sie den richtigen Eingang gefunden hatte, klingelte sie  nerv\u00f6s an der Haust\u00fcr. Eine zarte Frauenstimme meldete sich an der  T\u00fcrsprechanlage. \u0084 Ich h\u00e4tte gerne Jiri Holub gesprochen\u0093, sagte Warja leise.  \u0084Er ist gerade beim Tennis\u0093, war aus dem Lautsprecher am Eingang zu vernehmen.  \u0084Wer sind sie eigentlich?\u0093 <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-right: 1cm\" class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">\u0084 Ich  habe Jiri in Monte Carlo kennengelernt, mein Name ist Warja!\u0093 <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-right: 1cm\" class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">\u0084  Kommen sie herauf, ich w\u00fcrde sie gerne sehen, ich bin Jiris Mutter.\u0093 Warja  betrat den Wohnblock und fuhr mit dem Aufzug hinauf in den dritten Stock. Eine  h\u00fcbsche, h\u00f6chstens vierzigj\u00e4hrige, blonde Frau \u00f6ffnete die T\u00fcr.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">\u0084 Kommen sie nur herein\u0093,  schlug sie vor. \u0084 Wollen sie ein paar hei\u00dfe W\u00fcrstchen?\u0093 Warja nickte. \u0084 Die  W\u00fcrstchen schmeckten hervorragend, viel besser als die W\u00fcrstchen, die sie in  Ru\u00dfland gew\u00f6hnlich zu essen bekam. Jiris Mutter beschrieb ihr den Weg zum  Tennisclub, es waren nur f\u00fcnf Minuten zu gehen. Warja machte sich sofort,  nachdem sie die W\u00fcrstchen verspeist hatte, auf den Weg zum Tennisplatz. Er  befand sich hinter einem kleinen Laubw\u00e4ldchen in einer idyllischen Umgebung. Vom  H\u00e4usermeer der gro\u00dfen Stadt war nichts mehr zu sehen, der Tennisplatz war eine  rot gr\u00fcne Insel am Rande der Metropole. Die Pl\u00e4tze waren im Gegensatz zu den  wenigen Tennispl\u00e4tzen, die sie aus Ru\u00dfland kannte, gepflegt. Die Netze hatten  keine L\u00f6cher, die Linien waren gerade. Es lagen keine Flaschen und T\u00fcten  herum.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">&#8230;.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><em><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"margin-right: 24.05pt\" class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Von der Ferne aus konnte sie ihren Bekannten aus auf   die gelben B\u00e4lle eindreschen sehen. Mit ungeheurer Wucht schlug Jiri die B\u00e4lle  \u00fcber das Netz, er st\u00f6hnte bei jedem Schlag. Als er Warja erblickte, legte er  augenblicklich den Schl\u00e4ger auf den Boden und st\u00fcrmte aus dem Platz heraus. Er  umarmte Warja wie einen guten Freund, den er seit Monaten nicht mehr gesehen  hatte. \u0084Ich mu\u00df noch eine halbe Stunde trainieren, danach kann ich den ganzen  Abend mit dir verbringen.\u0093 <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-right: 17pt\" class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Warja bemerkte, da\u00df Jiri, nachdem sie aufgetaucht war,  \u00fcberhaupt keine Lust mehr hatte zu trainieren. Er schlug die B\u00e4lle vielfach ins  Aus und \u00e4rgerte sich nicht einmal dar\u00fcber. Um vier Uhr war sein Training  beendet. Jiri packte seine hellblaue Adidas Jacke in eine gro\u00dfe, rote Wilson  Tasche, f\u00fchrte die obligatorische Platzpflege durch und rannte im Laufschritt  zum Clubheim, auf dessen Terrasse Warja mit einem Glas Coca Cola  Platz<\/span><\/p>\n<p style=\"margin-right: 17pt\" class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> genommen hatte. Sie setzte sich zu ihm, der Duft des  frischen Schwei\u00dfes erregte sie angenehm. Jiri holte sich ein leichtes helles  Bier und setzte sich zu Warja. Der junge Mann nahm einen kr\u00e4ftigen Schluck aus  der Flasche, er war durstig, au\u00dferdem hatte ihn das pl\u00f6tzliche Auftreten der  sch\u00f6nen Russin nerv\u00f6s gemacht. Die Nervosit\u00e4t verringerte sich mit jedem Schluck  des Gerstensaftes. Ein Gl\u00fccksgef\u00fchl, intensiver und sch\u00f6ner als nach einem  gewonnenen Turnier machte sich breit. Jiri r\u00fcckte seinen Stuhl ein paar  Zentimeter nach links um n\u00e4her bei Warja zu sein. Auch die blonde Russin r\u00fcckte  ein St\u00fcck n\u00e4her zu dem jungen Mann. Jiri streckte die rechte Hand zu ihr hin\u00fcber  und zog sie gehemmt wieder zur\u00fcck. Warja ber\u00fchrte die Schulter des h\u00fcbschen  Tennisspielers und streichelte seine Hand.  <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-right: 1cm\" class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><em><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><em><span style=\"font-size: 11pt\">Geburtstagsrede Grigori   Morjakin<\/span><\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">F\u00fcnfzig mal in meinem Leben hat  sich die Erde um die Sonne gedreht. Es ist eine lange Reise von vielen Millionen  Kilometern, von der wir so gut wie nichts mitbekommen. Als ich geboren wurde,  waren die meisten Menschen noch mit den Pferdefuhrwerken unterwegs. Die Reise zu  den gro\u00dfen St\u00e4dten an der Wolga ist heute ein kleine Spazierfahrt mit dem Auto,  w\u00e4hrend sie f\u00fcr meinen Gro\u00dfvater noch eine gro\u00dfe Reise war. Wohin geht sie, die  Reise des Lebens? Ich wei\u00df nicht, wann sie enden wird, ich wei\u00df nur, da\u00df sie  irgendwann, sei es heute oder auch in f\u00fcnfzig Jahren enden wird. Das Jahr ist  eine Ma\u00dfeinheit, die uns die Sch\u00f6pfung gegeben hat, f\u00fcnfzig mal haben die B\u00e4ume  zu bl\u00fchen begonnen und f\u00fcnfzig mal hat sich unser Land in Schnee geh\u00fcllt.  Eigentlich ist der heutige Tag ein ganz gew\u00f6hnlicher Tag, denn ich f\u00fchle mich  mit 50 Jahren nicht anders als mit 49 Jahren und 364 Tagen. Doch die Zeit sie  schreitet voran, unaufhaltsam. Ich blicke in den Spiegel und bemerke, ich bin  kein J\u00fcngling mehr. Ein Jahrzehnt zu vollenden, ist f\u00fcr uns Menschen etwas  besonderes. Die Wissenschaftler vermuten, da\u00df wir nach dem Zehnersystem rechnen,  weil wir insgesamt zehn Finger haben, eine plausible Erkl\u00e4rung, denn unsere  Kinder beginnen mit den Fingern zu rechnen. Wir Menschen rechnen und planen, wir  planen unsere Zukunft, vielleicht auch noch die Zukunft unserer Kinder und  Enkel, aber  was die n\u00e4chsten Jahrtausende bringen werden, kann uns keiner  sagen. Wir verschlie\u00dfen die Augen vor der fernen Zukunft, weil wir genauso  wissen, da\u00df wir sie nicht miterleben werden.\u0093<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><em><span style=\"font-size: 11pt\">Morjakin zum Jahreswechsel  <\/span><\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Morjakin hatte Feuerwerksk\u00f6rper  im Wert von mehreren Millionen Rubeln bestellt. Diese Artikel hatte er im Jahre  95 neu in sein Sortiment aufgenommen. Alexandra Morjakina war der Meinung, die  B\u00f6ller seien angesichts der Armut im Lande eine sinnlose Verschwendung. Sie  sch\u00fcttelte den Kopf, als sie von Grigoris Vorhaben, der in gro\u00dfem Umfang in  dieses Gesch\u00e4ft einsteigen wollte, erfuhr. Grigori setzte sich zu Alexandra auf  den Diwan, legte den Arm um ihre Schultern und sprach: \u0084Raketen und B\u00f6ller  geh\u00f6ren einfach zur Silvesternacht. Arm und reich, all das ist verg\u00e4nglich. Mein  Reichtum, er ist verg\u00e4nglich wie das Leben. Mein Leben, es wird vergl\u00fchen wie  die bunten Leuchtkugeln am Himmel. Im Vergleich zur Ewigkeit ist mein Leben kurz  und heftig wie der Knall eines Kanonenschlags. Der Anfang von allem hat, wenn  man den Physikern Glauben schenkt, mit dem Urknall begonnen, wenngleich dieser  Knall nat\u00fcrlich nicht mit mit dem eines B\u00f6llers vergleichbar ist. Es ist  vielmehr das Wort Knall, das mich an den Anfang aller Dinge erinnert.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Neujahr ist das Fest der  gemischten Gef\u00fchle. Das Feuerwerk ist der H\u00f6hepunkt einer Neujahrfeier, es  unterst\u00fctzt und verst\u00e4rkt die gemischten Gef\u00fchle. Auf glitzernde Goldkugeln und  Silberstreifen folgt bis zur Z\u00fcndung der n\u00e4chsten Rakete die bange Finsternis.  Ebenso folgt der Freude auf ein rauschendes Fest in der Regel depressive  Katerstimmung. Silvester ist der Zeitpunkt, zu dem wir Bilanz ziehen. 1995 war  das Jahr der Schicksalsschl\u00e4ge, das kann ich jetzt schon sagen.\u0093  \u0084 In zwei  Wochen werden wir das Weihnachsfest feiern. Ich wei\u00df nicht, wie ich dieses Fest  ohne Tanjas strahlende Augen \u00fcberstehen werde\u0093, sagte Alexandra und verbarg ihr  Gesicht hinter den H\u00e4nden.<\/span><em><span style=\"font-size: 12pt\"> <\/span><\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><em><span style=\"font-size: 12pt\">  <\/span><\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><em><span style=\"font-size: 12pt\"> <\/span><\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><em><span style=\"font-size: 12pt\">Der Italiener Bondoni lebt  mit seiner Frau Nina in einem kleinen Bauerh\u00e4uschen in Krasnaja  Sosna<\/span><\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><em><span style=\"font-size: 12pt\"> <\/span><\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> \u0084Warum hast du eigentlich  Italien verlassen?\u0093 Warum lebst du hier mehr oder weniger am Ende der Welt?\u0093  fragt ihn Sergei Smirnov.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">\u0084 Das ist eine lange  Geschichte. Kurz gesagt, ich tat es aus Liebe und aus Ha\u00df. Vor vielen Jahren, es  m\u00f6gen zwanzig Jahre gewesen sein, ich war damals siebzehn, besuchte ich eine  Veranstaltung der PCI, der kommunistischen Partei Italiens. Die PCI und die  Partei unseres Landes veranstalteten damals einen Jugendaustausch. Ich selbst  war niemals Mitglied der PCI, denn ich hasse Parteien. Vor allem hasse ich es,  stundenlang bei Reden zuh\u00f6ren zu m\u00fcssen. Ich ha\u00dfe es, um Posten zu buhlen und  andere ausstechen zu m\u00fcssen. Im \u00fcbrigen h\u00e4tte ich mich gesch\u00e4mt, wenn ich meinem  Vater h\u00e4tte sagen m\u00fcssen, ich sei Mitglied dieser Partei. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Dennoch besuchte ich  gelegentlich Veranstaltungen der PCI, es war wundersch\u00f6n das rote Meer der  Fahnen zu sehen. Nachdem auf der Piazza drei Stunden lang Reden geschwungen  waren, wurden russische T\u00e4nze aufgef\u00fchrt und kostenlos eine kr\u00e4ftige Gem\u00fcsesuppe  mit W\u00fcrstchen nach russischem Rezept ausgesch\u00f6pft. Unter einer Zeltplane konnte  man im Schatten Platz nehmen. Unter dieser wei\u00dfen Zeltplane passierte es. Ich  sah das M\u00e4dchen, das mein Leben grundlegend ver\u00e4ndern sollte, zum ersten Mal.  Ihr Name ist Ninotschka, sie war damals f\u00fcnfzehn Jahre alt, ihr Haar ist braun,  es gl\u00e4nzt leicht r\u00f6tlich. Ihr Gesicht war zart, wie eben das Gesicht einer  F\u00fcnfzehnj\u00e4hrigen ist. Ninotschka war nicht h\u00e4\u00dflich, aber auch keine Sch\u00f6nheit,  sie hatte ein paar Pickel  und ihre Nase war ziemlich lang. Es waren vor allem  ihre Augen, die mich sehns\u00fcchtig machten. Die Augen der Italienerinnen sind wie  die Blitze einer Photokamera, sie blitzen kurz auf und werden danach wieder  finster, w\u00e4hrend die Augen Ninotschkas gleichm\u00e4\u00dfig leuchteten wie eine Kerze.  Sie strahlten nicht ihre Augen, doch sie verbreiteten ein dumpfes Licht. Sie  waren ein wenig traurig, als w\u00fcrden sie fragen : Wer hat mich lieb, mich kleine  Kerze im Licht der gro\u00dfen Scheinwerfer und Neonr\u00f6hren. Ihre Stimme war zart und  fein, sie wirkte sch\u00fcchtern. Ich sprach sie an und go\u00df ihr ein Glas Wein ein,  sie begann von sich zu erz\u00e4hlen. Ihr Vater war ein kleiner unbedeutender  Parteifunktion\u00e4r, der den Sch\u00fcleraustausch mit Italien organisierte. Es war  Liebe auf den ersten Blick. Ich liebte Ninotschka, weil ihr Haar rot gl\u00e4nzte,  doch es war ein anderes Rot als das Rot der kommunistischen Fahnen. Hinter  dieser Farbe versteckte sich keine Ideologie, sondern eine sensible Seele. Ja,  sie war eine Seele, die danach d\u00fcrstete geliebt zu werden. Ich bin heute noch  stolz darauf, sie lieben zu d\u00fcrfen, denn sie ist ein wunderbares Wesen. Sie ist  nicht sonderlich intelligent und ich bin froh dar\u00fcber. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Wer die Intelligenz in den  Dienst des kapitalistischen Wirtschaftssystems stellt, verliert die F\u00e4higkeit zu  lieben. Ich hasse sie, die Karrierefrauen, doch das ist nicht frauenfeindlich  gemeint, denn ich hasse die Karrierem\u00e4nner ganz genauso. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Ich habe mein Heimatland auch  aus Ha\u00df verlassen. Ich sage Ha\u00df, es ist ein hartes Wort, aber ich habe dieses  Gef\u00fchl auch heute noch in meiner Brust. Ich hasse vor allem meinen Bruder, denn  er hat sich das ganze Verm\u00f6gen meines Vaters unter den Nagel gerissen und er hat  immer noch nicht genug. Er will immer reicher und reicher werden. Reich sein,  wer will das nicht, ich w\u00fcrde mich selbst bel\u00fcgen, wenn ich sagte, ich wollte  nicht reich sein. Als ich ein junger Mann war, habe ich es geha\u00dft, das westliche  System der Herrschaft der Reichen und Superreichen. Heute lebe ich von einem  bescheidenen Verm\u00f6gen, ich lebe nicht schlecht, doch ich w\u00fcrde gerne besser  leben. Mein Bruder lebt im \u00dcberflu\u00df, er hat mindestens zehn H\u00e4user und besitzt  einen Industriebetrieb. So sehr ich die Kapitalisten hasse, um so sehr bewundere  die Menschen, die ihre F\u00e4higkeiten in den Dienst der Allgemeinheit stellen. Ich  bewundere Politiker und K\u00fcnstler, denn ihr Engagement liegt in erster Linie  nicht im Gelderwerb, sondern darin, den Menschen etwas zu geben. Als ich ein  junger Mann war, habe ich Breschnev bewundert und ich weinte bei seiner  Beerdigung Tr\u00e4nen.\u0093 \u0084Ein wahrhaft seltsamer Mann, dieser Bondoni!\u0093 dachte Sergei  Smirnov.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Am fr\u00fchen Abend des folgenden  Tages besuchte Sergei Smirnov seinen neuen Freund. Er sa\u00df wiederum auf der  kleinen roten Bank vor seinem Holzh\u00e4uschen und sah den H\u00fchnern beim Fressen und  Picken zu. Wenige Minuten sp\u00e4ter kam Ninotschka, Bondonis Frau, von der Arbeit  zur\u00fcck. Der Italiener erhob sich von der Bank und ging auf seine Frau zu, er  k\u00fc\u00dfte sie auf beide Wangen. Ninotschka begr\u00fc\u00dfte Smirnov mit einem sch\u00fcchternen  L\u00e4cheln und betrat ihr H\u00e4uschen. Wenige Sekunden sp\u00e4ter drang aus dem Haus das  Ger\u00e4usch des Fernsehers.  \u0084Meine Ninotschka, sie ist fasziniert von Fernsehen  und Video. Sie konnte sich so sehr freuen, als ich ihr aus Italien einen  Farbfernseher und einen Videorecorder mitgebracht habe. Ich frage mich oft, ob  der Konsum gl\u00fccklich macht? Zweifellos haben diese Ger\u00e4te, die im Hause meiner  Eltern schon seit fast zwei Jahrzehnten stehen, der kleinen Ninotschka Freude  bereitet. Doch wenn das Kaufen zum Lebenssinn wird, wenn es hei\u00dft, ich kaufe  also bin ich, dann sind wir auf dem falschen Weg. Es mu\u00df richtig hei\u00dfen, ich  lebe, also bin ich. Mein Schwiegervater ist ein \u00fcberzeugter Kommunist. Er w\u00e4re  gerne der Vorsitzende der sozialistischen Jugendorganisation geworden, er ist  heute noch stolz auf die Tatsache, vor vielen Jahren Egon Krenz, dem ehemaligen  Vorsitzenden der FDJ, die Hand gesch\u00fcttelt zu haben. Heute ist er ein  gebrochener Mann, seiner Ziele beraubt. Das etwas werden wollen, das etwas sein  wollen, ist noch schlimmer als das \u0084Haben\u0093. Denn was du hast, das hast du, sei  es ein Konsumgut oder eine liebe Frau. Es wird dir in einer Gesellschaft, in der  die Ehe und das Eigentum gesch\u00fctzt ist, auch nicht so schnell weggenommen. Das  etwas werden wollen, sei es der Beste, der Reichste, Sch\u00f6nste oder Schnellste,  ist zwar nicht unbedingt moralisch verwerflich, aber es zerst\u00f6rt die Seele. Ich  stamme aus einem Land, in dem der Wettbewerb gro\u00dfgeschrieben wird, er wird gar  als der Motor der Gesellschaft bezeichnet. Alle rennen ihren Zielen nach und die  allerwenigsten erreichen sie, sie landen bestensfalls irgendwo im Mittelfeld.  Ich setze mir keine Ziele mehr, denn sobald ich sie erreicht habe, zerfallen sie  vor meinen Augen. Das einzige Ziel, das ich habe, ist Ninotschkas Augen  gl\u00fccklich zu sehen.\u0093 \u0084 Was sagt sie denn zu deiner Philosophie?\u0093 \u0084 Ach sie ist  herrlich naiv. Am liebsten w\u00e4re sie wohl  eine Prinzessin gewesen. Meine Nina  hat wegen Lady Diana aus dem Buckingham Palast schon einige Tr\u00e4nen geweint.  Diana ist eine Prinzessin, aber sie ist ungl\u00fccklich, so habe ich zu ihr  gesprochen und sie in meine Arme geschlossen. Meine Ninotschka arbeitet im  Milchladen da dr\u00fcben, weil sie eine Aufgabe haben m\u00f6chte, denn sie kann es ohne  Arbeit nicht aushalten. Sie steht um sieben Uhr morgens auf und geht zu Fu\u00df die  300 Meter zu ihrem kleinen Laden. Von den paar Rubeln, die sie dort verdient,  k\u00f6nnten wir nicht besonders gut leben, aber ich habe ein kleines Verm\u00f6gen und  dieses Verm\u00f6gen ist wie eine Versicherung, die mir ihre Treue sichert. W\u00e4hrend  sie Kisten  herumschleppt, schlafe ich und manchmal sch\u00e4me ich mich auch, weil  ich nicht so flei\u00dfig bin wie sie. Wenn mich dieses Schamgef\u00fchl erfa\u00dft, greife  ich zu Schmirgelpapier und Spr\u00fchdose und bastele an meinen Autos in meinem Hof  herum. Aber meistens h\u00f6re ich nach einer Stunde wieder auf, weil ich einfach  keine Lust mehr habe. Ich lege mich dann hin und schlafe.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Ich liebe den Schlaf, f\u00fcr mich  ist er nicht der Bruder des Todes, sondern er ist f\u00fcr mich ein gro\u00dfes Kino, in  dem ich selbst der Hauptdarsteller bin. Ich habe des nachts sehr viele Tr\u00e4ume.  Mein Bruder dagegen, so hat er mir erz\u00e4hlt, hat selten Tr\u00e4ume und wenn er  tr\u00e4umt, dann in scharz -wei\u00df, w\u00e4hrend ich in Farbe tr\u00e4ume. Die Tr\u00e4ume sind das  wahre Leben, denn in ihnen bin ich der Regisseur, w\u00e4hrend wir im Leben  Marionetten der Einflu\u00dfreichen sind. So sehr ich die Farben meiner Tr\u00e4ume liebe,  um so mehr hasse ich die Farben der westlichen Gro\u00dfkonzerne. Die bunten Farben  der westlichen Welt haben mich vertrieben in dieses ehemals sozialistische Land,  ich habe versucht ihnen zu entrinnen, aber sie sind mir gefolgt.     <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Die Tankstellen der  sozialistischen L\u00e4nder, waren Ausdruck der Bescheidenheit. Wenn ich \u00fcber die  tschechische Grenze fahre, sehe ich heute die bunten Tankstellen der  Gro\u00dfkonzerne und ich f\u00fcrchte, sie werden dieses Land ebenso erobern wie sie  Italien erobert haben. Nirgendwo weht der Wind des Kapitalismus heftiger und  nirgendwo ist der Geruch des Geldes st\u00e4rker zu vernehmen als an den Tankstellen.  Erd\u00f6l, das ist der Geist von Rockefeller. Shell und Esso sind zu den m\u00e4chtigsten  G\u00f6tter der USA geworden. Die Menschen verehren sie vor allem wenn die Sonne  untergegangen ist. Ihre G\u00f6tzendiener haben das Spektrum des Sonnenlichtes  aufgespalten in die Grundfarben Gelb, Rot und Blau. Bei Nacht leuchten sie  heller als der Mond. Die Neonr\u00f6hren t\u00f6ten jegliches Gef\u00fchl f\u00fcr Romantik und  Z\u00e4rtlichkeit. Was entsteht, ist die Gier nach Spa\u00df und Geld. Doch es sind nicht  nur die Farben der Tankstellen, die mich vertrieben haben, ich bin ein Sklave  von Phillip Morris und Reynolds gewesen. Der verf\u00fchrerische Duft, verpackt in  s\u00fc\u00dfe kleine Sch\u00e4chtelchen, der milde Geschmack des parf\u00fcmierten Tabaks, der  sanft die Bronchien kitzelt und im Mund einen w\u00fcrzig herben Geschmack  hinterl\u00e4\u00dft, hat mich zum Sklaven gemacht. Warum erleben wir das Rauchen einer  Zigarette als Akt der Freiheit? Es ist nicht nur die Werbung, die uns Freiheit  verhei\u00dft, denn in den L\u00e4ndern, in denen die Zigarettenwerbung verboten ist,  qualmen die Menschen ganz genauso. Das Rauchen ist etwas, das wir als Kinder  nicht d\u00fcrfen. Es ist der Reiz des Verbotenen, der das Rauchen zum  Freiheitserlebnis macht. Kind sein, bedeutet st\u00e4ndige Unterdr\u00fcckung.   <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Sergei Smirnov unterh\u00e4lt sich  mit Warja <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-right: 1cm\" class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Sergei wu\u00dfte nicht, wor\u00fcber er sprechen wollte. Er  begann von der Hochzeit seines Bruders zu erz\u00e4hlen: \u0084 Es war wundersch\u00f6n  romantisch, ich kann mir kein sch\u00f6neres Paar als die beiden vorstellen.\u0093 \u0084 Ich  hasse dieses ganze Hochzeitsgehabe, ich hasse die wei\u00dfen Brautkleider. Sie sind  ein Symbol der Reinheit, doch sie sind ein Symbol der Verlogenheit unserer  Gesellschaft. Einen Tag lang schw\u00f6rt man sich die wahre Liebe und was in den  meisten F\u00e4llen folgt, ist jahrelanger Streit. Die meisten Paare, die ich kenne,  passen nicht zusammen.  Sie bleiben zusammen, weil irgendwann die Kinderlein  kommen und in unserer Gesellschaft die Familie eine heilige Kuh ist. Die Familie  ist die \u0084Keimzelle des Gesellschaft und des Staates\u0093, so sagte ein alter  Professor der Universit\u00e4t in fast jeder Vorlesung. Ich kann diesen Satz wirklich  nicht mehr h\u00f6ren. Ich bin der Meinung, da\u00df professionelle P\u00e4dagogen noch viel  st\u00e4rker an der Erziehung beteiligt werden sollten, als dies in der Sowjetunion  geschehen ist. Ich fordere gleichzeitig auch mehr Rechte f\u00fcr Kinder. Was kann  ein Kind daf\u00fcr, wenn es in einer Familie, in der Armut, Gewalt oder auch nur  Geiz und emotionale K\u00e4lte herrschen, geboren wird. Familie als Keimzelle des  Staates, am liebsten h\u00e4tte ich dem Professor, der das gesagt hat, eine  Stinkbombe in die Aktentasche geworfen. \u0093   <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-right: 1cm\" class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">\u0084 Ich  vermute, da\u00df dieser alte Professor ein sehr gl\u00fcckliches Familienleben hatte. Ich  habe in meiner Familie nie viel Harmonie gesp\u00fcrt, doch ich kenne Familien, die  recht harmonisch sind. \u00dcberall gibt es hin und wieder Streit, doch ich wei\u00df  nicht, ob du recht hast, wenn du die Instituion Familie so sehr kritisierst. Die  Familie ist eine schlechte Instituion, aber ich kenne keine bessere, so m\u00f6chte  ich das Zitat Churchills ab\u00e4ndern, der gesagt hat:  \u0084Demokratie ist die  schlechteste Staatsform die ich kenne, aber ich kenne bessere.\u0093  \u0084Demokratie  wenn ich das schon h\u00f6re, das Gerede von der Demokratie ist die selbe  scheinheilige L\u00fcge wie das Gerede von \u0084Familie als Keimzelle des Staates\u0093. Im  Staat herrschen die M\u00e4chtigen, ganz egal, ob sich eine Demokratie  Volksdemokratie oder parlamentarische Demokratie nennt. Mich k\u00fcmmern die  M\u00e4chtigen im Kreml, oder in sonst einem Parlament \u00fcberhaupt nicht. Was den  Menschen f\u00fcr sein ganzes Leben pr\u00e4gt, passiert in der Kindheit. Die  Machtverh\u00e4ltnisse und Einfl\u00fcsse in der Familie sind weitaus wichtiger als die  gro\u00dfe Politik. Die Weichen daf\u00fcr werden in der Kindheit gelegt. W\u00e4ren Karl Marx  und Friedrich Engels in ihren Familie gl\u00fccklich gewesen, w\u00e4ren sie t\u00fcchtige  Kaufleute anstatt Revolution\u00e4re geworden.\u0093 <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-right: 1cm\" class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-right: 1cm\" class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">\u0084 Die  Politik bestimmt unser Leben st\u00e4rker als du denkst. Es ist ein riesiger  Unterschied, ob du ein Gewerbe frei betreiben kannst, oder ob die staatliche  Macht alles kontrolliert. Die Einstellungen und Meinungen zu einem  Wirtschaftssystem reifen doch nicht in der Kindheit, sondern in sp\u00e4terem Alter.  Was interessiert sich ein Kind schon f\u00fcr Politik\u0093, meinte Sergei. <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-right: 1cm\" class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">\u0084 Und  doch entsteht die Abneigung f\u00fcr gewisse Strukturen in der Kindheit, in der  Kindheit fallen die Entscheidungen, ob wir ein Ja-Sager oder ein Revoluzzer  werden.\u0093 Diesem Ausspruch folgte eine l\u00e4ngere Periode des Schweigens.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin-right: 1cm\" class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><em><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><em><span style=\"font-size: 11pt\">Andropov ( bildender  K\u00fcnstler)  ist ebenfalls ein Ex- Freund von Tatjana Morjakina<\/span><\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> \u0084Fjodor Andropov ist mir  verd\u00e4chtig vorgekommen. Als ich ihn auf den Tod von Tatjana Morjakina ansprach,  zuckte er zusammen.\u0093 <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Einen Tag sp\u00e4ter besuchte  Egerov, der Polizeichef, in ziviler Kleidung Fjodor Andropov. Als er die kleine  Holzh\u00fctte, in der er lebte, betrat, stolperte er \u00fcber ein Paar Turnschuhe und  trat auf einen Pullover. \u00dcberall lag die W\u00e4sche herum, ungesp\u00fclte T\u00f6pfe und  Kartoffelschalen lagen im Waschbecken. Ein Unzahl Aquarelle und einige \u00d6lgem\u00e4lde  hingen absichtlich schief aufgeh\u00e4ngt an den W\u00e4nden. S\u00e4mtliche Bilder zeigten  abstrakte Motive.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">\u0084Warum liebst du denn die  Ordnung nicht, mein Freund?\u0093 fragte der Polizist. \u0084 Die Ordnung ist etwas, das  ich mir selbst aufgezwungen habe. Die Unordnung hingegen ist ein Kunstwerk, das  aus der Tiefe der Seele kommt. Ich bin ein gro\u00dfer Fan des Wiener K\u00fcnstlers  Friedensreich Hundertwasser. Als Hundertwasser gefragt wurde, weshalb er zwei  verschieden farbige Socken trage, hat er geantwortet, warum tragen Sie zwei  gleichfarbige? Ich k\u00f6nnte dich zum Beispiel fragen, warum stellst du deine  Schuhe in Reih und Glied auf ? Ziehe ich meine Schuhe oder meinen Anorak aus, so  liegen die Dinge dort, wo mein Unbewu\u00dftes sie gerne hinlegen w\u00fcrde. Mein Haus  ist ein Ausdruck dessen, wie es in meinem Inneren aussieht.\u0093 <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">\u0084Sieht es denn in deinem  Inneren so schrecklich aus?\u0093 fragte Egerov. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">\u0084Die alten Griechen glaubten,  die Materie sei vom Chaos beherrscht, doch die physikalischen Gesetze der  Materie sind immer noch leichter verst\u00e4ndlich als die Vorg\u00e4nge in den K\u00f6pfen der  Menschen. Unser Geist gehorcht ebenso wie die Materie den Naturgesetzen. Wir  haben keinen freien Willen, alles ist vorherbestimmt, so wie du ein  Ordnungsh\u00fcter bist, bin ich der gr\u00f6\u00dfte Chaot der Stadt und ich bin ein  \u00fcberzeugter Chaot. \u00dcberzeugungen k\u00f6nnte man als Gehirnsoftware bezeichnen.  Leider sind die \u00dcberzeugungen in einer Programmsprache geschrieben, die kein  Mensch versteht. Wenn wir etwas nicht verstehen, so sehen wir darin das  \u00dcbernat\u00fcrliche. Der freie Wille ist ein Mythos, es gibt ihn ebensowenig wie den  Minotaurus oder den Gott Donar.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> Siehst du die verschissene  Unterhose und die stinkenden Socken auf dem Tisch. Ich habe sie aus voller  \u00dcberzeugung dorthin gelegt. Mein Vater und eine Schar Spie\u00dfb\u00fcrger w\u00fcrde sagen:  \u0084<strong>Beim Millit\u00e4r h\u00e4tte man dir sicher Ordnung und Moral beigebracht<\/strong>!\u0093 Aber  ich sage dir, tausend stinkende Socken sind mir lieber, als ein Gewehr, mit dem  du tausend Menschen erschie\u00dfen kannst. Siehst du die beiden Witzfiguren aus  Pappmachee dort in der Ecke, Egerov?\u0093 fragte Andropov nun.  In der Ecke von  Fjodors H\u00e4uschen befanden sich zwei Figuren, die mit einem Rupfensack und  Millit\u00e4rstiefeln bekleidet waren. \u0084Das ist sind ja Gorbatschov und Gromiko!\u0093  rief der Polizeichef. Die Gesichter zeigten leicht erkennbar die beiden  ehemaligen russischen Politiker. \u0084Ich bewerfe die beiden mit Tomaten und  Kartoffeln, wenn ich Lust dazu habe. Als die beiden noch an der Macht waren,  habe ich sie h\u00e4ufiger mit Lebensmitteln beworfen. Du kannst sagen, das sei eine  Verschwendung, ich aber sage dir, jeder Liter Benzin, der f\u00fcr die Panzer und  Kriegsflugzeuge ausgegeben wird, ist eine d\u00fcmmere und sinnlosere  Verschwendung.\u0093<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Andropov trug an diesem Tag  eine orange Jogginghose und hatte seine Haare gr\u00fcn gef\u00e4rbt. Egerov kam dieser  junge Mann wie ein Wesen aus einer anderen Welt vor. \u0084 Erz\u00e4hle mir ein bi\u00dfchen  von deinem Verh\u00e4ltnis zu Tanja Morjakina!\u0093 schlug Egerov vor. \u0084 Als ich mit ihr  zusammen war, habe ich mich angezogen wie die gro\u00dfe Ma\u00dfe der Menschen, ich habe  mir die Haare blond gef\u00e4rbt und hellblaue Jeans getragen. Mein Haar sollte die  gleiche Farbe wie ihres haben und die Jeans sollten mich an ihre strahlend  blauen Augen erinnern. Zur Zeit als ich mit der Kuibyschever Punkergang  verkehrte trug ich schwarz, doch ich begann diese Farbe zu hassen, denn sie ist  die Farbe des Todes und der Pfaffen. Ich trage jetzt rot und gr\u00fcn, die Farben,  die auf dem Photonegativ die Umkehrfarben sind, denn ich nehme mir die Freiheit  alles umzukehren, was ich nur umkehren kann. Zur Zeit als ich mit Tanja zusammen  war, hoffte ich zu werden, wie es die anderen auch sind, sie und ihre Familie  gab mir die Illusion ein b\u00fcrgerliches Leben f\u00fchren zu k\u00f6nnen. Ich w\u00e4re gerne ein  Gesch\u00e4ftsmann geworden, denn hast du den Geruch des Reichtums einmal vernommen,  kannst ihn nie mehr vergessen. Es war wie ein Traum, sich den Sommerwind in  ihrem offen Wagen um die Nase wehen zu lassen. Ich glaube, sie hat mit mir  Schlu\u00df gemacht, weil es der alte Morjakin so wollte, dieser alte Geldsack. Sie  war ein treuloses verzogenes Pappakind. Ich bin meinem Vater nie in den Arsch  hineingekrochen, ich habe mir mein Leben selbst gestaltet.\u0093 <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><em><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><em><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><em><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><em><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Am Morgen aufzustehen und einer  Arbeit nachzugehen, verursachte einen derart starken Ekel , da\u00df er schon viermal  eine Ausbildung abgebrochen hatte und fast jeden Job nach sp\u00e4testens einer Woche  hinschmi\u00df. Fjodor war 24 Jahre alt und hatte 3 Jahre in Berlin gelebt. Kurz nach  dem Fall der Mauer hatte er sich zun\u00e4chst ein Touristenvisum beschafft, sich in  den n\u00e4chsten Zug gesetzt und die Reise in die vermeintliche Freiheit angetreten.  Vor acht Jahren mit dem Beginn der Perestroika hatte Fjodor begonnen, sich wie  ein Punk anzuziehen. Es begann langsam mit schwarzen Jeans und alten  Millit\u00e4rstiefeln. Lange \u00fcberlegte er sich, ob er sich einen Irokesenhaarschnitt  zulegen sollte. Er h\u00e4tte seine Eltern gerne geschockt, doch er hatte noch nicht  den Mut dazu, er bef\u00fcrchtete nicht nur von den Lehrern , sonderen auch von  seinen Mitsch\u00fclern und vor allem von den M\u00e4dchen sanktioniert zu werden. In  Krasnaja Sosna war er der einzige Punker, in Kubichev dagegen kannte er eine  Clique, die den Punk kultivierte. Auch die Mitglieder dieser Clique trugen unter  der Woche gew\u00f6hnliche Frisuren, am Wochenende jedoch stylten sie sich mit Farbe  und Haarspray zurecht. Sie beschmierten ihre Jacken und Hosen mit dem  Anarchiezeichen. Es war das Jahr 1987, in dem Fjodor zum Punk wurde, auf seine  Lederjacke spr\u00fchte er den Spruch: \u0084 Fuck Charly and Wolodja!\u0093 Mit Charly und  Wolodja waren Karl Marx und Wladimir Iljitsch Lenin gemeint, was auch fast alle,  die ihn kannten, wu\u00dften. Besonders gerne beschrieb er Toilettenw\u00e4nde mit  Filzstiften mit dem Spruch : \u0084Chaos an die Macht!\u0093 Er legte sich mit fast allen  Lehrern an, vor allem mit dem Direktor der Schule, den er neben Honnecker f\u00fcr  den gr\u00f6\u00dften Arschkriecher der Welt hielt. Fjodor wurde neben Gelmut, wir  erinnern uns, er hatte den Lada Samara des Lehrers Popov mit Odel besudelt, zum  Enfant terrible der Stadt. Krimminelle Energie nannte der Direktor die  Motivation, die hinter sich den Taten Gelmuts und Fjodors verbarg. Im Gegensatz  zu Gelmut war Fjodor introvertiert, bevor er eine Sachbesch\u00e4digung durchf\u00fchrte,  machte er sich Gedanken. Seine Schmiererein kamen aus der Tiefe der Seele, er  handelte aus einem unbeschreiblich gro\u00dfen Ha\u00df gegen die M\u00e4chtigen. Fjodors Vater  war jahrelang als ranghoher Offizier der Armee in der DDR stationiert. Nachdem  er im Alter von 42 Jahren ausschied, bekam er einen f\u00fchrenden Posten in der  Verwaltung eines Industriekombinats. Seine Mutter war Deutsche, sie stammte aus  einer kleinen Stadt in der N\u00e4he von Berlin. Gehorsam und Sauberkeit waren die  Werte, die seine Eltern ihm zu vermitten versuchten, doch aus dem Offizierssohn  wurde ein Anarchist, der sich seit seinem 20. Geburtstag nur viermal im  Elternhaus sehen lie\u00df.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Mit seinem Kumpels aus  Kubischev zog Fjodor Andropov w\u00e4hrend der Jahre 88 und 89 fast jeden  Freitagabend betrunken durch Gassen. Seine Kumpels knickten gerne die Antennen  der Autos oder warfen gelegentlich eine Scheibe ein, was ihnen Spa\u00df zu bereiten  schien. Fjodor hatte nie Spa\u00df , irgend etwas zu besch\u00e4digen, er handelte, wenn  er eine Wand beschmierte, aus einer tiefen Verzweiflung, aus der Sehensucht nach  einem ganz anderen Leben. Aus diesem Grund wurde er schnell zum Sauertopf der  Punkergang aus Kubischev, auch die Punkmusik wurde ihm nach einer gewissen Zeit  zu hart, er liebte auch ruhige melodische Schlager wie den Hit \u0084Dreams are my  Reality\u0093 aus dem Spielfilm La Boum. Er verliebte sich in Sophie Marceaux, die in  diesem Film die Hauptrolle spielt. Die Beziehung zu den Kubischever Punks brach  er nach der Feier zu seinem achtzehnten Geburtstag ab. Seine Elterns erlaubten  ihm damals, eine Fete in ihrem Hause zu machen. Dabei ri\u00df Medvedev, der Alphatyp  der Gang, Fjodors Lieblingsposter, auf dem Sophie Marceaux abgebildet war,  herunter und sp\u00fclte es ins Klo. Sein Eintritt ins Erwachsenenalter begann mit  einer Zerst\u00f6rung einer Sache.   <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Seither war die Gewalt gegen  Sachen f\u00fcr ihn ein nicht legitimes Mittel, anarchistische Gesinnung zu zeigen.  Nirgendwo f\u00fchlte er sich verstanden, was auch der Grund daf\u00fcr gewesen war,  Ru\u00dfland zu verlassen und nach Berlin zu gehen. Von seiner Mutter hatte er  Deutsch gelernt und kannte den Osten Berlins bereits als f\u00fcnfj\u00e4hriges Kind. Den  Westen, die andere Seite kannte er nur von wie auch immer eingeschleusten  Videofilmen. Es war kurz nach der Wiedervereinigung, als Fjodor mit dem Zug im  ehemaligen Ostteil der Stadt ankam. Am ehemaligen Todesstreifen standen  graubraune Ruinen zwischen denen die Bagger, Radlader und Planierraupen  herumkrochen. Es sah aus wie in einer Geisterstadt zu der das Leben zur\u00fcckkehrt.  Fjodor machte schnell die Erfahrung: \u0084Hier in dieser Stadt mu\u00dft du dich um dich  selbst k\u00fcmmern.\u0093 Er wu\u00dfte nicht, wohin er gehen sollte. Er hatte lediglich Geld  im Wert von 250 Mark bei sich, ein geringes Startkapital f\u00fcr den Westen. In  seiner Heimat drehten sich die Menschen um, wenn er mit gr\u00fcnen Haaren oder  seiner alten Jacke bekleidet durch die Stra\u00dfen zog, hier in Berlin beachtete ihn  kein Mensch. Die Passanten hasteten an ihm vorbei, alle schienen es eilig zu  haben. Er sah eine Vielzahl von Bettlern auf den Stra\u00dfen, fragte er selbst einen  Passanten nach einer Mark, bekam er oft die Antwort: \u0084 Geh doch arbeiten!\u0093 zu  h\u00f6ren. Arbeit zu finden war ein noch gr\u00f6\u00dferes Problem, als sich ein paar M\u00fcnzen  zu erbetteln. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Fjodor nahm die U Bahn bis zum  Stadtteil Kreuzberg. Alleine schlenderte er durch die Gassen, hier in diesem  Stadtteil war Graffity etwas v\u00f6llig Normales. An nahezu jeder Wand, an den  Schulmauern, in den Bahnstationen, \u00fcberall waren die W\u00e4nde mit mehr oder weniger  orginellen Spr\u00fcchen oder Bildern beschmiert. Die Allgegenwart des zuhause  verbotenen erregte bei ihm Angst. Schlie\u00dflich sah er ein Haus, dessen Fassade  mit besonders vielen Bildern bemalt war. Bei vielen Fenstern fehlte das Glas Im  Hintergrund waren mehrere kahlk\u00f6pfig geschorene in schwarzes Leder gekleidete  Menschen zu sehen.  <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Er beschlo\u00df dort hineinzugehen.  Im Treppenhaus lagen mindestens vier Zentner M\u00fcll. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Langsam stieg er die Treppe  hinauf und klopfte an einer T\u00fcr im ersten Stock, er beabsichtigte sich Freunde  aus der autonomen Szene zu suchen. Ein etwas achzehnj\u00e4hriges M\u00e4dchen \u00f6ffnete die  T\u00fcr, sie trug schwarze Kleidung ,die zu ihrem blassen Gesicht einen starken  Kontrast bildete. Fjodor war \u00e4hnlich wie sie angezogen, durch sein \u00c4u\u00dferes wurde  ein solidarisches Gef\u00fchl auf beiden Seiten geschaffen. Er fragte sie: \u0084Ich bin  ganz neu hier in Berlin ich suche einen Platz wo ich f\u00fcr ein paar Tage  \u00fcbernachten kann.\u0093 Das M\u00e4dchen meinte:<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">\u0084 Du kannst schon dableiben.\u0093  w\u00e4hrend ihr Freund, der sich etwas sp\u00e4ter mit dem Namen Kai vorstellte, keinen  besonders freundlichen Gesichtsausdruck zeigte. Fjodor bekam, nachdem er einen  Unterschlupf gefunden hatte, Lust sich zu betrinken. \u0084 Ich gebe ein paar Bier  aus.\u0093 schlug er vor. Gegen\u00fcber des Hauses befand sich eine Tankstelle. \u0084Du  kannst uns eine Palette (24 Dosen) mitbringen\u0093, meinte Kai.  \u0084Leider hat der  Supermarkt gerade zu gemacht\u0093, fuhr er <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">fort. Der junge Russe war  schockiert, als er an der Tankstelle f\u00fcr die kleine Palette 39 Mark bezahlen  mu\u00dfte. Inzwischen hatten drei kahlk\u00f6pfig geschorene junge M\u00e4nner das   Appartement von Kai betreten. Sie waren begeistert, als Fjodor die Bierdosen  brachte. Innerhalb einer Stunde waren s\u00e4mtliche Dosen ausgetrunken. Bei Andropov  vermischte sich das Gef\u00fchl der grenzenlosen Freiheit mit der Bef\u00fcrchtung,  innerhalb weniger Tage sein  \u0084Startkapital\u0093 von 250 Mark  ausgeben zu m\u00fcssen.  \u0084Finde ich eine Arbeit, so verdiene ich hier im reichen Deutschland am Tag  locker 100 Mark\u0093, hoffte Fjodor. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Inzwischen stellte sich das  blasse M\u00e4dchen mit dem Namen Manuela vor. Sie nuckelte nur an der Bierdose,  w\u00e4hrend die drei Kahlk\u00f6pfe die erste 0,33 Literdose nahezu in einem Zug  austranken. Manuela sagte: \u0084 Ich steh nicht auf Alk. Hast du etwas zum Rauchen  da?\u0093 Mit Rauchen war Cannabis gemeint. Fjodor sch\u00fcttelte den Kopf. Manuela bat  ihn: \u0084Kannst du mir <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">50 Mark leihen?\u0093 Der junge  Russe z\u00f6gerte, Manuela schien ein ehrliches Gesicht zu haben. Wenn auch 50 Mark  relativ viel Geld sind,  Fjodor wollte Manuela f\u00fcr ihre Gastfreundschaft danken.  \u0084 Ich bin in einer halben Stunde wieder da \u0093, sagte sie. Billi der gr\u00f6\u00dfte der  vier M\u00e4nner machte den Vorschlag: \u0084 Ich kann f\u00fcr 12 Mark eine Flasche Weinbrand  besorgen, hast du noch ein bi\u00dfchen Geld?\u0093 Andropov z\u00f6gerte abermals, 12 Mark f\u00fcr  eine Flasche Schnaps das war O.K., er war in der Stimmung weiter zu trinken. Er  blickte in seinen Geldbeutel, ein blauer Hundertmarkschein und ein brauner  F\u00fcnfziger waren zu sehen. Die Augen der vier M\u00e4nner begannen zu strahlen. Fjodor  dr\u00fcckte Billi den braunen Schein in die Hand. Eine halbe Stunde sp\u00e4ter kehrte  Billi mit 4 weiteren M\u00e4nnern sowie zwei Flaschen Schnaps und vier Litern Coca  Cola zur\u00fcck. Kai legte in seine Stereoanlage eine Hardrockkassette ein. Einige  Minuten sp\u00e4ter kam auch Manuela zur\u00fcck. Sie bastelte einen Joint, den sie  herumgehen lie\u00df. Andropov war vom Alkohol schon ziemlich benommen, weswegen er  den Joint, ohne daran zu ziehen, weiterreichte. Er hatte nicht die Absicht eine   \u0084Drogenkarriere\u0093 zu beginnen. Fjodors Vater benutzte das Wort Karriere in vielen  Zusammenh\u00e4ngen, der alte Andropov hatte in der Tat Karriere gemacht,  doch ist  Karriere ein Lebensziel?  Fjodor ha\u00dfte dieses Wort, denn es hat immer etwas mit  \u0084sich hochdienen\u0093 zu tun, Karriere, das ist ein langsam erreichter Erfolg.  Fjodor w\u00fcnschte zwar auch den Erfolg, aber nicht in Form einer \u0084Karriere\u0093. Er  w\u00fcnschte sich, mit seiner Graffitikunst innerhalb kurzer Zeit ber\u00fchmt zu werden,  sich selbst auszudr\u00fccken, anstatt sich hochzubuckeln, das war sein Wunsch.Die  Party in diesem ungew\u00f6hnlichen Haus dauerte bis 2 Uhr nachts. Fjodor hatte einen  Schlafsack dabei und rollte ihn auf dem Teppich aus. Er schlief schlecht, denn  er hatte sehr viel Weinbrand konsumiert. Gegen  7 Uhr erwachte er mit einem  Kater. Die Stra\u00dfen waren fast menschenleer, \u00fcberall standen Autowracks herum.  Gegen\u00fcber des buntbemalten Hauses, in dem er die Nacht verbracht hatte, standen  ausgediente Bauw\u00e4gen, in denen langhaarige, altmodisch gekleidete Menschen  campierten. Westberlin wurde fr\u00fcher als Insel der Freiheit bezeichnet. Fjodor  hatte den Eindruck, diese Stadt w\u00fcrde aus vielen kleinen Inseln bestehen, aus  Inseln der Unordnung, in einer sehr ordentlichen Stadt. Jedes Haus schien eine  kleine Insel zu sein. Eine derartig gro\u00dfe Vielzahl von Gegens\u00e4tzen hatte er noch  nie gesehen. Eine t\u00fcrkische Kebapstube neben dem Autohaus, ein Supermarkt neben  der Pennerkneipe.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Der Geruch der Abgase der  Zweitaktmotoren vermischte sich mit dem Duft von gebratenen Speisen. Es war eine  F\u00fclle von Eindr\u00fccken, die erst einmal verdaut werden mu\u00dften. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Unordnung und Schmutz waren ihm  aus Ru\u00dfland bekannt, er nahm sie jedoch nie wahr. Dreck  schien zuhause etwas  ganz Normales zu sein. Erst als er blitzende Feinkostgesch\u00e4fte neben H\u00e4usern, in  deren G\u00e4ngen meterhoch der M\u00fcll lag, sah, begann er \u00fcber den Ordnungssinn der  Deutschen nachzudenken. Den Deutschen wird immer ein besonderer Ordnungssinn  nachgesagt, doch in Deutschland kann sich auch der Unordentliche, der Chaot,  eine Insel schaffen, so hoffte er. Die Ordnung, die er hier vorfand war, war  zumindest nicht mit Gehorsam, wie er ihn aus der Schule und von seinem Vater  gew\u00f6hnt war, verbunden. Am folgenden Abend verlie\u00df Fjodor das Haus, in dem er  die letzte Nacht verbracht hatte. Kai sprach: \u0084 Es wird Zeit, da\u00df du einen  Abgang machst \u0093, nachdem Fjodor es abgelehnt hatte, ihm und seiner Freundin  Manuela weitere 50 Mark zu leihen. In diesem Haus werde ich sowieso nur  ausgenommen, dachte sich Andropov, packte seinen Rucksack und stand alleine auf  der Stra\u00dfe. Manuela empfahl ihm, sich an den CVJM zu wenden. Fjodor wanderte  durch die Sta\u00dfen, als ihm eine Jugendherberge auffiel. Er betrat sie, doch ohne  internationalen Ausweis wurde er nicht aufgenommen. Er beschlo\u00df, die n\u00e4chste  Nacht in einem Billighotel, das immerhin 40 Mark f\u00fcr die \u00dcbernachtung mit  Fr\u00fchst\u00fcck verlangte, zu verbringen. Er hatte das Bed\u00fcrfnis alleine zu sein,  deshalb zog er sich sein Zimmer zur\u00fcck. Zuhause war er es gewohnt, da\u00df die  Menschen auf ihn zu gingen, sie ihm Arbeit beschafften und versuchten, ihn in  die Gemeinschaft einzugliedern. \u0084Irgendwie wird es schon weitergehen\u0093, meinte  Fjodor.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">In dem kleinen Hotelzimmer  f\u00fchlte er sich wohl, er hatte noch 100 Mark bei sich, er konnte also noch eine  zweite Nacht in diesem Zimmer verbringen und sich f\u00fcr die verbleibenden 20 Mark  Verpflegung beschaffen. So bewu\u00dft wie an jenem Tag hatte er seine Mahlzeiten  noch nie zu sich genommen. Jeder Bissen und jeder Schluck kostete Geld. Nach der  teuren Party der letzten Nacht, wollte Andropov keinen Menschen sehen. Gegen  Mittag des \u00fcbern\u00e4chsten Tages verlie\u00df er das Hotel und begab sich zum Bahnhof  Zoo. Er unterschied zwei Gruppen von Menschen, die einen hasteten nach dem  n\u00e4chsten Zug, w\u00e4hrend die andere kleinere Gruppe jede Menge Zeit zu haben  schien, Zeit sich alleine oder in der Gruppe zu berauschen. Die Menschen, die  sich in der Gruppe betranken machten einen gl\u00fccklichen Eindruck, w\u00e4hrend in den  glasigen Augen der Einsamen der Wunsch nach menschlicher W\u00e4rme zu lesen war.  Fjodor versuchte Freunde zu finden. Er setzte sich zun\u00e4chst auf ein B\u00e4nkchen in  der N\u00e4he des Bahnhofes und beobachtete die Menschen. Er beabsichtigte sich zu  einer Gruppe zu gesellen, die ihm sympathisch war. Ein blonder junger Mann, der  ein weiches Gesicht hatte und ziemlich dick war, umarmte gerade seinen  schm\u00e4chtigen Freund. Daneben standen zwei blasse, schwarz gekleidete etwa 16  j\u00e4hrige M\u00e4dchen. Der blonde Mann hatte eine Bierdose in der Hand. Ganz langsam  schritt Fjodor auf die Gruppe zu. Der blonde junge Mann fragte ihn: \u0084Was willst  du denn von uns?\u0093 Der junge Russe wurde nerv\u00f6s, er kehrte der Gruppe den R\u00fccken  zu. Etwa 50 Meter weiter standen ein paar Punks herum. Einer von ihnen hatte  eine Flasche Vodka in der Hand. Fjodor ging wiederum langsam auf die Gruppe zu  und fragte:  \u0084Darf ich einen Schluck nehmen?\u0093 Er bekam die Antwort: \u0084 Willst du  schmarotzen!\u0093 Durch diese Antwort geschockt, zog es sich zur\u00fcck und nahm die S  Bahn zum Stadtrand. Er spazierte etwa 2 Stunden durch den Grunewald, dabei  begegneten ihm alle paar Minuten Menschen, die im Trainingsanzug durch den Wald  trabten. Am Ufer des Wannsees setzte er lange auf ein B\u00e4nkchen und blickte auf  den blauen See. Bisher hatte er noch nicht sehr viel Gl\u00fcck in dieser Stadt  gehabt. Das Gl\u00fcck, dessen eigener Schmied man nach einem deutschen Sprichwort  sein soll. Doch wo befindet sich diese Schmiede des Gl\u00fccks ? <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Die Menschen, denen er bisher  begegnet war, waren Outsider, Menschen ohne Arbeit. M\u00f6glicherweise ist das Gl\u00fcck  nur mit harter Arbeit zu schmieden, mit harter Arbeit \u00e4hnlich der Arbeit des  heute fast ausgestorbenen Berufsbildes des Schmieds. Die n\u00e4chste Nacht, es war  Herbst und die N\u00e4chte waren k\u00fchl, verbrachte er frierend auf der  Parkbank.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p style=\"margin: 0cm -0.05pt 0pt 14.2pt\" class=\"MsoNormal\"><em><span style=\"font-size: 11pt\">Melanie Semjonovna, 16 Jahre, ist drogenabh\u00e4ngig. Sie  geht auf den Strich und lernt dort Grigori Morjakin kennen  <\/span><\/em><\/p>\n<p style=\"margin-right: -0.05pt\" class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-right: -0.05pt\" class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Der Einstieg in die Welt der Drogen begann mit dreizehn.  Melli versammelte sich mit den M\u00e4dchen ihres Heims im Sommer fast jeden Tag in  einem kleinen Park. Die vierzehnj\u00e4hrige Maschenka hatte irgendwo Hasch besorgt  und bastelte aus Zeitungspapier und dem Tabak einer billigen Zigarette der Marke  Porti einen unf\u00f6rmigen fetten Joint. Der Joint wurde herumgereicht, Maschenka  nahm selbst den ersten Zug und reichte ihn an Melli weiter. Melanie wollte  zun\u00e4chst nicht daran ziehen, der Gestank der das Zeitungspapier verursachte  reizte ihre Bronchien, doch der seltsame Geruch des indischen Hanfs machte sie  neugierig. Der Geruch des Joints erinnerte sie teilweise an den Geruch des  Weihrauchs in der Kirche, andererseits an den Duft eines Lagerfeuers. Es war  eine abenteuerliche Situation, in der sie sich befand. Sie hielt sich den Joint  unter die Nase und atmete den seltsamen Duft ein.<\/span><\/p>\n<p style=\"margin-right: -0.05pt\" class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Wenige Sekunden hatte sie ein Gef\u00fchl, als w\u00e4re sie ein  Vogel. Sie f\u00fchlte sich leicht und glaubte zu schweben, es war ein angenehmes  Gef\u00fchl. Doch dieses Gef\u00fchl hielt nicht lange an, eine halbe Stunde sp\u00e4ter  spielten die M\u00e4dchen im Heim Karten. Melli konnte sich nicht mehr konzentrieren,  sie machte beim an sich einfachen Kartenspiel Romme Fehler \u00fcber Fehler, es war  peinlich, so einfache Fehler zu machen. Schwindelgef\u00fchl setzte ein, dem wenige  Minuten sp\u00e4ter ein Angstanfall folgte. Melli hatte Angst, sich blamiert zu haben  und verzog sich in ihr Zimmer. Melli lebte mit jener Mascha, die den Joint  gebastelt hatte, im Zweibettzimmer. Die beiden verstanden sich recht gut, Mascha  war die Unternehmungslustige, w\u00e4hrend Melli die Stille Gehemmte war. War Melli  traurig und schwerm\u00fctig, ber\u00fchrte Mascha ihre Hand und umarmte sie, die beiden  gingen oft Schulter und Schulter durch die Stra\u00dfen der Stadt Samara, bei ihr  sp\u00fcrte Melli Geborgenheit. Ladislav Kratochvil der Leiter des Kinderheims war  ein Menschenkenner, nach einem kurzen Gespr\u00e4ch mit der sch\u00fcchternen Melli wu\u00dfte  er, da\u00df die lebenslustige Mascha gut zu ihr passen w\u00fcrde. Schon wenige Tage nach  ihrer Einweisung ins Heim wurden die beiden gute Freundinnen. Mascha hatte in  ihrem Leben nie richtige Drogenprobleme gehabt, sie war wohl neugierig darauf,  neue Erfahrungen zu machen, doch harte Drogen hatte sie nie konsumiert. Mellis  Erstkontakt mit der angeblichen Todesdroge Heroin geschah aus Liebeskummer. Er  geschah aus Verzweifelung, sie hatte damals sogar daran gedacht, sich das Leben  zu nehmen. Im Park, in dem sie sich in der M\u00e4dchenclique so oft aufgehalten  hatte, lernte sie Anatoli Barischnikov, einen h\u00fcbschen blonden jungen Mann  kennen. Er trug immer Schuhe der Marke Nike und orginal Levis Jeans, sein Vater  hatte ein kleines Gesch\u00e4ft mit dem er hervorragende Ums\u00e4tze und Ertr\u00e4ge machte.  Die Dinge aus dem Westen, die Anatoli trug waren f\u00fcr Melli nicht einfach Schuhe  und Klamotten, sie waren f\u00fcr sie Symbole der Freiheit und des Wohlstandes.  Anatoli war damals 17 Jahre alt, er hatte ein nagelneues Moutainbike und lehnte  l\u00e4ssig, den Fu\u00df hochgestellt an der Parkbank. Bei Melli war es Liebe auf den  ersten Blick, schon oft war sie am Gesch\u00e4ft von Anatolis Vaters vorbei gegangen  und tr\u00e4umte von den teuren Dingen aus dem Westen, die f\u00fcr sie unerschwinglich  waren. Sie verliebte sich in ihn haupts\u00e4chlich deswegen, weil er diese Dinge  trug, aber auch weil er eine sanfte liebensw\u00fcrdige Art hatte. Bevor sie ihn zum  ersten Mal gesehen sah, hatte sie von ihm in der Lokalzeitung ein verschwommenes  Photo gesehen. In der Zeitung wurde \u00fcber den Erfolg des Gesch\u00e4ftes der  Barischnikovs berichtet. Melli bewahrte diese Seite auf und hoffte diesen jungen  Mann, der gar nicht weit, h\u00f6chstens zwei Kilometer von ihrem Heim entfernt,  wohnte, irgendwann pers\u00f6nlich kennen zu lernen.     <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-right: -0.05pt\" class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-right: -0.05pt\" class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-right: -0.05pt\" class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-right: -0.05pt\" class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-right: -0.05pt\" class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-right: -0.05pt\" class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-right: -0.05pt\" class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-right: -0.05pt\" class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/p>\n<p style=\"margin-right: -0.05pt\" class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">   <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Nadia dagegen lebte in der  Realit\u00e4t, sie war fast immer fr\u00f6hlich und gut gelaunt. Ihr L\u00e4cheln, das sie  schon seit ihrer Geburt hatte, machte auch die anderen Menschen fr\u00f6hlich. Nadia  hatte nach der Schule, die sie als Jahrgangsbeste abschlo\u00df, eine Ausbildung in  einem kleinen Kaufhaus begonnen. Das kleine Kaufhaus f\u00fchrte Haushaltsartikel und  Schuhe. Nadia begr\u00fc\u00dfte alle Kunden mit ihrer ihr angeboren Herzlichkeit, sie  \u00fcbersah niemals die Kunden und versuchte die W\u00fcnsche ihrer Kunden so gut wie  m\u00f6glich zu erf\u00fcllen. Sie schlo\u00df ihre Ausbildung mit sehr gut ab und schon ein  Jahr sp\u00e4ter wurde sie die Leiterin des kleinen Kaufhauses, nachdem der bisherige  Leiter in Rente ging. Durch rechzeitiges Bestellen schaffte sie es, da\u00df fast  alle Waren auch zu Zeiten der zusammenbrechenden Sovietunion erh\u00e4ltlich waren.  So gab es zum Beispiel auch immer Schuhe in den Gr\u00f6\u00dfen 43 und 44.Galina Prokowna  war sehr stolz auf Nadia. Auch sie war sehr extravertiert und lebte in der  Realit\u00e4t. Sie hatte jedoch nicht den s\u00fc\u00dfen Charme ihrer \u00e4ltesten Tochter. Galina  Prokovna haftete eine schulmeisterliche Strenge an.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Seit ein paar Jahre trug eine  dicke Hornbrille mit der noch strenger aussah. Sie behandelte auch ihren Mann   wie einen Schulbuben. In der Familie Prokov bestimmte Galina, wo es lang ging.  Svetja ha\u00dfte es mit ihrer gro\u00dfen Schwester verglichen zu werden.Es ging nicht  nur um die Schulnoten, wenn Galina ihre j\u00fcngste Tochter ermahnte, sie bem\u00e4ngelte  h\u00e4ufig auch Svetjas mangelnde Vitalit\u00e4t und Kontaktf\u00e4higkeit.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Galina war \u00fcberzeugte  Kommunistin, sie besuchte aber auch manchmal die Kirche und den Pfarrer, die  materialistische Gesellschaftstheorie, des Marxismus sagte ihr aber auch nicht  zu. Sie versuchte das Christentum und den Kommunismus zu vereinen.Seit sie seit  ein paar Jahren ihre Meinung frei \u00e4u\u00dfern durfte, sagte sie immer. Ich  habe hier  ein Buch mit den Schriften Lenins, aber das Wort Liebe kommt darin kein einziges  mal vor. Ganz besonders gerne besprach sie mit ihren Sch\u00fclern, Geschichten des  gro\u00dfen Dichters Alexander Puschkin.Die Seele des Menschen, sie l\u00e4\u00dfte sich nicht  einfach durch These und  Antithese der Materie erkl\u00e4ren. Das Bewu\u00dftsein, das  nach Marx ma\u00dfgeblich durch \u00f6konomische Verteilung der G\u00fcter gepr\u00e4gt werden soll,  ist doch mehr. Galina nannte die Philosophie Lenins jetzt immer primitiv  Materialismus, eine Aussage die sie sich vor zehn Jahren noch nicht in der  \u00d6ffentlichkeit zu machen wagte. Im Hause der Prokows lag auch immer ein Buch  \u00fcber den d\u00e4nischen Philosophen S\u00f6ren Kierkegaard herum. Kierkegaard und  Dostojewski so meinte<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Galina h\u00e4tten, die Seele des  Menschen tiefer erfa\u00dft, als der kalte Machtmensch Lenin.Galina war allerdings  nicht so schwerm\u00fctig, wie es Kierkegaards Philosophie h\u00e4tte vermuten lassen  k\u00f6nnen. Wenn immer sie einem jungen Menschen ins Gesicht blicken konnte,  erwachte in ihr die Begeisterung. alten Menschen war er sehr freundlich und nahm  sich Zeit. Als er noch Marktleiter im staatlichen Gesch\u00e4ft war, kam es  allerdings bei ihm h\u00e4ufig zu Versorgungsengp\u00e4ssen. Morjakin war kein  Perfektionist, ihm war die Beziehung zu den Menschen wichtiger, als immer alles  auf Lager zu haben.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Zu kommunistischen Zeiten  handelte Morjakin nebenzu mit allerlei G\u00fctern. So hatte er zum Beispiel fast  immer alle Ersatzteile f\u00fcr den Lada in seiner Garage. Es gab auch in  seiner<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Heimatstadt keinen Menschen,  der ihm das \u00fcbel nahm. Selbst der B\u00fcrgermeister hatte ihm vor 4 Jahren einen  Austauschvergaser abgekauft. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Morjakin war 49 Jahre alt , er  war von kleiner dicklicher Statur und war wie Nadia fast immer gut gelaunt. Als  er Nadia im Herbst 94 zum ersten mal sah, meinte Sie freute sich, wenn sie   oberstes Ziel war, die Menschen f\u00fcr ein liebevolles und Zusammenleben f\u00e4hig zu  machen. Ganz besonders ha\u00dfte sie Gewaltfilme, die jetzt \u00fcberall zu sehen waren.  Sie ha\u00dfte auch die asiatischen Kampfsportarten, vor allem das Kickboxen.Sie  meinte:\u0093 es ist doch menschenunw\u00fcrdig mit den F\u00e4usten und F\u00fc\u00dfen aufeinander  hinein zu treten, ihr sollt euch lieber umarmen. Galina fand es eine sch\u00f6ne  Sitte, wenn die jungen Menschen Schulter an Schulter durch durch die Stra\u00dfen  zogen.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Vor ein paar Wochen wurde das  staatliche Gesch\u00e4ft, in dem Nadia arbeitete privatisiert.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Der Kaufmann Morjakin, der  bisher Leiter eines Kaufhauses der Stadt Pawlovsk war, hatte mehrere Gesch\u00e4fte  in der Umgebung aufgekauft. Morjakin war ein Meister im Umgang mit den Menschen.  Er umarmte bei der Begr\u00fc\u00dfung, die Kunden, die er besonders gut kannte, er  klopfte seinen Kunden auf die Schulter und reichte ihnen die Hand. Den Damen,  egal ob sie<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">20 oder 60 Jahre alt waren,  machte er Komplimente und auch zu den er gleich nach einer Viertelstunde: \u0084 Was  habe ich nur f\u00fcr ein Gl\u00fcck gehabt, eine so nette und intelligente Genossin zu  haben.\u0093 Morjakin und Nadia arbeiteten seit jenem Tag gut zusammen. <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Nadia f\u00fchrte weiterhin das  Gesch\u00e4ft in Krasnaja Sosna in eigener Verantwortung und Morjakin kam 2 mal in  der Woche vorbei und besprach mit seiner Angestellten die wichtigsten. Dinge.  Nadia h\u00e4tte sich gerne auch mit Eigenkapital an dem Gesch\u00e4ft beteiligt, aber sie  fand keinen Geldgeber. Ihre Eltern hatten kaum Ersparnisse.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Leider kam es bei Morjakin des  \u00f6fteren vor, da\u00df er bestimmte Waren, vor allem Schuhe in den g\u00e4ngigen Gr\u00f6\u00dfen  nicht liefern konnte. Er sagte immer, wenn die Kunden nachfragten:<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">\u0084Ja, ja das haben wir schon  bestellt.\u0093 ber es dauerte oft Wochen, bis die Ware dann endlich lieferbar war.  Nadia f\u00fchlte sich wohl in Krasnaja Sosna, sie war zweite Vorsitzende im  Turnverein und hatte viele Freudinnen, mit denen sie sich in einem kleinen Lokal  h\u00e4ufig traf.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Vor ihrer Hochzeit traf sie  eine schwerwiegende Entscheidung, sie zog mit ihrem Ehemann nach Togliattigrad  in eine Neubauwohnung. Sie w\u00e4re gerne in Krasnaja Sosna geblieben und h\u00e4tte mit   Morjakin eine Handelsgesellschaft gegr\u00fcndet. Sie \u00e4rgerte sich zwar manchmal \u00fcber  Morjakin, der alles auf die leichte Schulter nahm  und des \u00f6fteren Lieferscheine  und andere Papiere verschlampte. Ganz besonders \u00e4rgerte sie sich, als die Frau  des B\u00fcrgermeisters, Frau Rulov zwei Paar Stiefel bestellte.Morjakin war damals  auch im Gesch\u00e4ft, er sicherte der Frau B\u00fcrgermeisterin zu, die Stiefel bis  morgen zu beschaffen. Frau Rulov hatte am folgenden Wochenende ein Richtfest f\u00fcr  einen Gemeindebau und ben\u00f6tigte die Stiefel dringend. Als Frau Rulov, die  Stiefel am Freitag abholen wollte, hatte Morjakin sie in seinem Gesch\u00e4ft  in<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Nadia meinte, wir m\u00fcssen die  Stiefel unbedingt heute noch holen.Die Fahrzeit zwischen den beiden Orten  betr\u00e4gt mit dem Auto fast 2 Stunden. Nadia sagte : \u0084Der Kunde ist K\u00f6nig, um  einen Kunden zu halten m\u00fcssen wir alles tun was in unserer Macht steht.\u0093 Nadia  setzte sich in Morjakins Wagen und fuhr nach Pavlovka \u00fcber holperige Stra\u00dfen.  Als sie dort ankam, suchte sie das ganze Gesch\u00e4ft ab, aber sie konnte die  Stiefel einfach nicht finden. Verzweifelt rief sie Morjakin an, auch er wu\u00dfte  nicht wo sich die Stiefel befinden k\u00f6nnten. Schlie\u00dflich stellte sich heraus, da\u00df  Morjakins Mitarbeiter Iljuschin die Stiefel vor einer Stunde verkauft  hatte.Diese kleine Episode war auch mit ein Grund, weshalb Nadia aus Morjakins  Gesch\u00e4ft ausstieg. Ihr Schwiegervater meinte immer:\u0093 Dieser Morjakin ist doch  ein Chaot\u0093 \u00fcber den wirst du dich noch oft \u00e4rgern.  <\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Nadia siedelte mit ihrem  Ehemann nach Togliattigrad in eine moderne Neubauwohnung mit Zentralheizung  \u00fcber. Es war eine Art Verpflichtung mit ihrem Mann zusammen zu  ziehen.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><span style=\"font-size: 11pt\">Bis vor ihrer Verm\u00e4hlung, lebte  Petr unter der Woche alleine in der Neubauwohnung in der Automobilstadt  Togliatti. Am Wochenende setzte sich Petr sofort in seinen Wagen und fuhr in  seine Heimatstadt nach Krasnaja Sosna, wo Nadia schon sehens\u00fcchtig auf ihn  wartete.<\/span><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><em><span style=\"font-size: 11pt\">  <\/span><\/em><\/p>\n<p class=\"MsoNormal\"><em><span style=\"font-size: 11pt\"> <\/span><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die rote Kiefer Der Roman erz\u00e4hlt von Gewinnern und Verlierern der Umgestaltung des sowjetischen Wirtschaftssystems. Er spielt in der Kleinstadt Krasnaja Sosna, in der N\u00e4he des Zentrums der russischen Automobilindustrie Togliattigrad an der Wolga. Er erz\u00e4hlt die Geschichte des Kaufmannes Morjakin, dessen Tochter Tatjana unter mysteri\u00f6sen Umst\u00e4nden den Tod findet. 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