Jede Träne, die du weinst zählt mehr als tausend Worte, die Goethe geschrieben hat!
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Weihnachtszeit
Im selben Moment erinnerte sich Manfred zurück an das Weihnachtsfest, das er immer zusammen mit seinen Eltern gefeiert hatte. Der Christbaum war zumeist eine Fichte gewesen, denn Fichten waren billig. Sein Vater hatte den Baum gewöhnlich wenige Stunden vor der Bescherung aufgetrieben. Kreuzberg Senior war stolz darauf, den Weihnachtsbaum am Heiligen Abend zum halben Preis bekommen zu haben. Er konnte sich über jede Mark, die er irgendwo einsparen konnte, freuen und zog es sogar in Erwägung, auf den Weihnachtsbaum ganz zu verzichten.
Die Gewächse, die sein Vater nach Hause gebracht hatte, waren nicht immer schön und Maria Kreuzberg maulte gelegentlich, wenn sie einen Baum mit unregelmäßig gewachsenen Ästen schmücken musste. Der Weihnachtsbaum der Familie Kreuzberg war fast immer einer der übrig gebliebenen. Doch was ist Schönheit eigentlich, warum finden wir ein Mädchen oder einen Baum schön? Bäume haben etwas Göttliches, sie überdauern uns Menschen und wachsen weit über unsere Schultern hinaus. Manfred liebte Bäume, denn sie hatten für ihn in der Tat etwas Göttliches. Einen Baum zu verehren, war für ihn etwas anschauliches, schlichtweg schönes. Es war zumindest schöner, als einen unsichtbaren, nicht bildlich vorstellbaren Gott zu verehren. Manfred streifte durch den Wald, um sich eine besonders schöne Fichte auszusuchen. Er fühlte sich wie ein Jurymitglied einer Schönheitskonkurrenz.
Lange durchstreifte er den Wald, bis er zwei junge, völlig unterschiedliche Fichten sich gegenüberstehen sah. Die eine war gleichmäßig gewachsen, die andere krumm und schief. Wie ähnlich die Natur doch ist, die Fichten unterscheiden sich ebenso wie die Menschen, es gibt schöne und weniger schöne. Doch um sagen zu können, was schön und eben nicht schön ist, bedarf es des menschlichen Urteilsvermögens. Den Fichten selbst wird es ziemlich egal sein, ob sie schön oder weniger schön sind. Wie kommt es eigentlich, dass ich vieles von dem, was andere Leute hässlich finden, als schön empfinde. Ein verrostetes Wasserrohr, ein altes verhautes Emailwaschbecken hat für mich eine eigenwillige Schönheit? Ist es ein Protest, den ich selbst nicht mehr als Protest wahrnehme?
Manche Dinge können schön und hässlich gleichzeitig sein. Nehmen wir die Ratte, das Tier, das von der Protestbewegung Punk kultiviert wird. Die Ratte kann ekelhaft und süß gleichzeitig aussehen. Wir Menschen können beim Hässlichen das Hässliche ausblenden und das Schöne daran sehen.
Es wäre interessant, zu erfahren, in wie weit das Programm, etwas schön zu finden, angeboren ist.
Urteilsvermögen, in dem Moment, als ihm dieses Wort auf der Zunge lag, dachte er an Immanuel Kant und sein Buch die Kritik der Urteilskraft. Manfred hätte nie die Geduld aufgebracht, dieses Buch zu lesen. Außerdem hasste er Kant wegen seiner Ordnungsliebe und Genauigkeit. Er selbst war das totale Gegenteil dieses Philosophen, er suchte ständig nach Veränderung und war vom Wandertrieb besessen.
Der Gedanke, Gott in der Natur zu suchen, wie es die Philosophen des deutschen Idealismus taten, lag ihm näher. Schelling und Fichte, die beiden Philosophen interessierten ihn plötzlich, er beschloss, im Lexikon über diese beiden, oft in einem Atemzug genannten Männer, nachzuschlagen.
Achtung Satire
Gott online
Gott online! Den Weg zur Schriftstellerei habe ich über den Computer gefunden, möglicherweise werde ich den Weg zu Gott ebenfalls durch die virtuelle Welt der Bits und Bytes finden, so dachte ich mir, als ich eine Annonce einer freien Kirchengemeinde in unserer Zeitung las. Fazit: Computer an und rein ins Web. Neugierig klickte ich auf das Symbol Gott, ein Symbol das einem persischen Teppich ähnelte. Zuerst erschien die Meldung: Prüfen Sie die Systemvoraussetzungen! Die Anwendung Gott benötigt 500MHz, 32 MB RAM, Geforce 2 MX
Ja, ja, die letzten werden die ersten sein, heißt es in der Bibel. In diesem Fall einfach ausgedrückt: Der reiche Prasser, der vor 15 Jahren neuntausend Mark für einen Pentium 100 ausgegeben hat, ist chancenlos, während der arme Schüler, der gestern für 20 Euro einen gebrauchten Pentium 3 bei Ebay eingesteigert hat, kommt zu Gott durch. Um nicht auf alle Ewigkeit verdammt zu werden, deinstalliere ich vorsichtshalber ein paar indizierte Computerspiele, zuallererst die grimmigen Monster aus Wow. Anschließend klicke ich auf das Symbol Gott. Auf dem Bildschirm erscheint:
Sie sind in der Warteschleife, die Anwendung Gott ist im Moment überlastet. Ungeduldig verlasse ich Gott und gehe in das Verzeichnis: 14 Nothelfer und andere Heilige, zuallererst zum heiligen Antonius, den für mich als Oberschlamper wohl wichtigsten Heiligen. Seit frühester Kindheit empfiehlt mir meine Großmutter zu ihm zu beten, sofern ich etwas verloren habe. Im Augenblick suche ich gerade mein Systemhandbuch. Geben Sie den Gegenstand, den sie suchen ein, spricht der heilige Antonius über den 32bit Soundchip. Ich schreibe Handbuch und klicke auf Suchen. Auf dem Bildschirm erscheint ein blinkender Aktenkoffer und tatsächlich, mein Handbuch befindet sich im Koffer.
Seltsamerweise war auch der heilige Blasius, er hilft sonderbarerweise nicht bei Blasenentzündung, sondern bei Halsschmerzen, gerade frei, was beim derzeitigen Wetter ein unwahrscheinliches Glück bedeutete.
Selbst der heilige Florian war im Online Chat erreichbar. Er bot mir eine Brandversicherung bei der Iduna Nova für 219 Euro an und fragte mich anschließend über ein Dialogfeld, wem er denn das Haus anzünden solle?
Geschäftstüchtig erwies sich auch die heilige Katharina, sie bot die CD-ROM Sophies Welt für 39 Euro an.
Franziskus, bekannt für seine Gespräche mit den Tieren, erschien in hoher Auflösung auf dem Bildschirm. Der Heilige aus Assisi, gewandet in einer braunen Kutte, befand sich gerade im Gespräch mit einem dicken rosa Schweinchen. Das Schweinchen meinte, es sei eine bodenlose Sauerei, dass die Sauställe seit Jahren mit 56k er Modems ausgestattet seien, während die Pferde von nebenan bereits die moderne DSL -Technik hätten. Franziskus meinte: Ich werde dem lieben Gott diesbezüglich eine eMail schicken, aber ihr wisst doch, die Anwendung Gott ist ständig überlastet.
noch ein Auszug aus meinem Roman
Svetlana pflückte ein kleines Sträußchen und hielt es unter die Nase, ein süßer sanfter Duft, viel sanfter als der der teuren Parfums lag in ihrer Nase. Sie begann ein Kränzchen zu flechten und legte es um ihr Handgelenk. Sie dachte: Ich mag die kleinen wilden Blümchen viel lieber als die hochgezüchteten Orchideen und Lilien. Nein, ich selbst bin keine Lilie, viel eher ein Gänseblümchen. Kaum ein Junge betrachtet mich, niemand staunt, wenn er mich sieht. Haben die Blumen eigentlich eine Seele? Wenn ich die Wiesenblumen in meiner derzeitigen Stimmung betrachte, scheint es mir sogar recht wahrscheinlich, obgleich ich es mit dem Verstand nicht fassen kann. Eine ganze Reihe Menschen bezeichnet die Wiesen- und Kornblumen als Unkraut. Hätten die unbedeutenden Blümchen eine Seele, würde es ihnen sicher weh tun, wenn man sie als Unkraut bezeichnen würden. Welchen Sinn außer das Herz der Menschen, vielleicht auch das der Vögel und Bienen zu erfreuen, haben Blumen eigentlich? Wie schnell wird ein Mensch, der nichts leistet, als Unkraut bezeichnet. Viele Mädchen möchten wie die großen Blumen, wie die Lilien und Orchideen sein, sie möchten bewundert werden, sie möchten, dass die Männer sich mit ihnen schmücken. Aber ich bin mir sicher, wenn die Blumen eine Seele haben, so ist jene der kleinen Wiesenblumen ebenso tiefgründig wie die der Orchideen.
Vor zwei Monaten hatte hier noch der Schnee gelegen und das Land mit einer dünnen Schicht, wie aus Puderzucker überzogen. Wie froh bin ich, dass er endlich vorüber ist, der Winter. Der Schnee, er ist ein falscher Geselle, er scheint süß wie Zucker und dennoch ist er kalt wie Eis.
Kann man zu den Menschen eine Parallele ziehen? Tragen die Menschen, die sich süß wie Zucker geben, vielleicht Kälte und Falschheit in ihren Herzen? Ich weiß es nicht, denn ich kann nicht in die Herzen der anderen hinein schauen. Viel lieber als der Schnee, ist mir der Sumpf. Er ist warm und weich und in dieser Eigenschaft ist er ehrlich. Er ist Sinnbild meiner trüben Gedanken, die mich ständig begleiteten. Ein Bächlein, kaum anderthalb Meter breit, schlängelte sich gemächlich am Birkenhain entlang. Eine sanfte Brise warf kleine gelbe Blätter von den Ästen. Ein schwarzer langbeiniger Vogel schnappte nach einem dünnen Regenwurm. Das Weizenfeld am Horizont schimmerte in kräftigem gelb. Svetlana blinzelte immer wieder, die Sonne blendete sie. Die Sonnenstrahlen verwandelten die Natur in ein seltsam glitzerndes Mosaik. Nie zuvor war ihr die Welt so gelb vorgekommen wie an diesem Tag. Welche Bedeutung haben die Farben, haben sie überhaupt eine Bedeutung? Am vergangenen Tag hatte noch ein grauer Schleier über der Landschaft gelegen.
Svetlana schrieb in ihr Tagebuch:
Die Stimmung wechselt wie die Farbe des Himmels. Himmel und Stimmung kann tagelang dunkel und grau sein, es kann aber auch nur einige Minuten dauern bis die Sonne am grauen Himmel auftaucht.
Ich bin nur ein einfaches Mädchen, ich bin kein großer Dichter. Sehen die großen Künstler die Welt mit anderen Augen, haben sie ein anderes Bild der Wirklichkeit, empfinden sie tiefer als ich? Ich glaube nicht, dass Puschkin das Gefühl der traurigen unerfüllten Liebe tiefer empfunden hat als ich. Er kann sich nur besser ausdrücken. Vielleicht empfindet sogar derjenige, der seine Gefühle nicht ausdrücken kann, tiefer, weil er mit ihnen alleine bleibt. Er empfindet das Gefühl in seiner Reinheit und Tiefe, weil er das Gefühl selbst und nicht die Worte, in das er es gekleidet hat, empfindet. Der Dichter verlagert es von der Brust in den Kopf und von dort auf die Zunge. Nichts kann man so schwer beschreiben wie die Gefühle. Ist die Sprachlosigkeit gegenüber der Natur und der Liebe sogar besonders tiefes, weil demütiges Gefühl? Ein Gefühl, wie es die betenden Mütterchen in der Kirche verspüren?
Kurzgeschichte von mir, enstanden 1999
Adriana
Ich folge den Spuren meiner Kindheit, alleine. Alleine, dieses Wort habe ich während meiner zahlreichen Reisen schon in vielen Sprachen Europas gehört.
Solo, singur, tout seule, alone. Ich bin ohne Partner oder Freizeitgruppe, ohne Verein und ohne Eltern unterwegs. Und ich bin glücklich darüber, einmal solo zu sein. Keiner erwartet etwas von mir und das finde ich gut so.
Ich habe das Bedürfnis, die ehemaligen Urlaubsorte, die ich vor ungefähr 20 Jahren mit meinen Eltern besucht habe, noch einmal zu sehen. Meine Reise führt mich zunächst ins Südtiroler Unterland. Mehr oder weniger gerne habe ich in dieser Gegend die Berge mit meinen Eltern bestiegen.
Schroff und steil ragen die mit Kiefern und Moos bewachsenen Berge empor. Sie erinnern an die Zacken eines riesigen grauen Kamms. Ein Wasserfall stürzt einhundert Meter in die Tiefe. Die alte Eisenbrücke über die Schlucht ist gesperrt. Eine Kette mit Schild, das die Aufschrift Betreten verboten trägt, versperrt mir den Weg. Ich folge dem Pfad, der in die Schlucht hinunter führt. Vorsichtig steige ich die steinigen Stufen hinunter, denn ich trage alte Sandalen. Mannshohe Steinquader liegen im Bach. Ich sehe jetzt den Campingplatz, auf dem ich vor neunzehn Jahren mit meinen Eltern in einem großen Wohnwagen die Sommerferien verbracht habe. Ein großes Hotel wurde dort inzwischen errichtet. Unten im Tal liegt ein gepflegter Tennisplatz.
Ich schreite über den hölzernen Steg und vor meinen Augen erscheint ein wunderschönes Bild. Ich sehe ein junges Mädchen. Sie trägt einen einfarbig roten Bikini. Ihr blondes leicht gewelltes Haar fällt locker auf die Schultern. Ihre Augen glitzern hellblau wie die Adria im Sonnenlicht. Ihr Bauch ist flach, dennoch ist sie nicht übermäßig mager. Das Mädchen heißt Adriana, ein Name der gut zu ihr paßt, vor allem der blauen Augen wegen. Besonders faszinierte mich ihr süßes Lächeln, das sie stets auf den Lippen trug.
Wir spielten zusammen Tischtennis und warfen uns den Wasserball zu. Zugerne hätte ich ihre Gedanken gelesen, ihre kleine Hand berührt und ihr helles Haar gestreichelt.
Adriana war damals sechzehn, ich ein Jährchen jünger.
Wie gerne wäre ich damals ein wenig älter gewesen und mit ihr im komfortablen Auto meines Vaters spazieren gefahren.
Jahrelang habe ich nicht an Adriana gedacht, doch nun sehe ich sie so klar und deutlich wie ein Bild im Computer, das ich ewig lange nicht zum Öffnen angeklickt habe. Damals, vor 19 Jahren war ich in Adriana schrecklich verliebt, ich liebte sie sogar stärker als die meisten Mädchen und Frauen, zu denen ich in meinem nicht mehr ganz jungen Leben eine Beziehung gehabt hatte.
Und dennoch ist nichts zwischen Adriana und mir gewesen, objektiv nichts, nicht einmal ein Küßchen, höchstens ein milder zärtlicher Blick. In meiner Phantasie passierte dagegen um so mehr. Ich liebkoste ihren Körper, ihre Hände, ihren Mund, ihre kleine Brust. Ich sah mich mit Adriana auf der Via Appia, auf dem Petersplatz in Rom, auf dem Gran Paradiso und an den schönsten Stränden Italiens.
Seltsamerweise war ich in jedem Urlaub in ein anderes Mädchen verliebt. Dennoch hatte ich immer die Illusion in meinem Kopf, ich könnte dieses Mädchen bis an das Ende meiner Tage lieben. Im Urlaub hatte ich Zeit zum Träumen, denn es gab keine Formeln und Vokabeln zu lernen. Und so benutzte ich jede freie Minute für romantische Phantasien.
Ich frage mich, ist das normal? Flatterhaft, so ist mein Herz und blau ist die Farbe meiner Sehnsucht. Blau wie die Augen Adrianas, blau wie die Adria an einem hellen Sommertag, blau wie die Wolken auf dem Desktop meines Computers.
Bedächtig baue ich mein silbergraues Kuppelzelt auf. Wenig später
besuche ich das Sanitärgebäude, das ganz neu renoviert wurde. Ich blicke in den mit grauem Kunststoff umrahmten Spiegel, betrachte mein Gesicht. Ich komme mir alt vor an diesem Nachmittag. Ein paar graue Strähnen, leicht aufgequollene Tränensäcke und ein paar große Poren an der Wange, diese Merkmale weisen auf ein Alter um die 35. Doch in meinem Herzen bin ich ein Teenager geblieben. Man müßte noch mal zwanzig sein und so verliebt wie damals, der Text dieses uralten Schlagers, den meine Mutter früher manchmal gesungen hat, beißt sich in meinem Kopf wie ein Ohrwurm fest.
Wenn ich an Adriana denke, habe ich das selbe Gefühl in der Brust wie vor 19 Jahren. Die Hände sind feucht und das Herz klopft schneller als gewöhnlich. Früher habe ich in ihr die Frau, das große Mädchen gesehen. Heute sehe ich das Kind in ihr, wenn in meiner Phantasie ihr Bild erscheint. Ich muß Adriana wiedersehen, dies ist in diesem Moment mein Gedanke. Doch wie ist ihr Nachname. Er beginnt mit einem C.
Ich überlege ein paar Sekunden, kratze mich am Kopf. Genau, ihr Name lautet Carogi.
Mit diesem Namen hatte sich Adriana damals für das Tischtennisturnier am Campingplatz eingeschrieben. Der braune Alfa Romeo ihres Vaters hatte das Kennzeichen Mi (Milano). Mein Entschluß lautet: Morgen früh fahre ich nach Mailand, um Adriana ausfindig zu machen.
Ich gehe gleich nach Sonnenuntergang zu Bett, schlafe schlecht, wälze mich auf der unbequemen, viel zu weichen Luftmatratze hin und her. Bereits um sieben stehe ich auf, rolle den hellblauen Daunenschlafsack zusammen und breche mein Zelt ab.
Ungeduldig warte ich bis das Verwaltungsgebäude öffnet. Ich begleiche die Rechnung und mache mich auf die Reise.
Die Straßenschilder fliegen an mir vorüber. Alle zehn Kilometer ein Schild mit der Aufschrift Milano. Milano 190 Km, Milano 180 Km und so weiter. Milano ist ein leicht erreichbares Ziel. Aber werde ich Adriana finden?
Area Servicio Nogaredo, Pagenella, San Andrea. Modena.
In meinen Ohren klingen diese Wörter tausend Mal angenehmer und zärtlicher als zum Beispiel die deutschen Worte Odelzhausen, Holzkirchen oder Raubling.
Der Song Luciana in einer Bearbeitung von James Last tönt aus den Lautsprechern des Autoradios. James Last gehört zu meiner Jugend genauso wie der Urlaub in Norditalien, vertraut und dennoch geheimnisvoll.
Endlich erreiche ich die Ausfahrt Milano ovest.
Ein Kreisverkehr folgt dem anderen. Ich bin erschöpft, benötige dringend eine Pause.
Am linken Straßenrand befindet sich eine schattige Grünanlage mit roten Bänkchen.
Zum Glück finde ich auf Anhieb einen Parkplatz.
Mit gesenktem Kopf überlege ich mir eine Strategie, wie ich Adriana finden könnte.
Ich blicke in den Geldbeutel. Lediglich vier, der für Ortsgespräche benötigten 200 Lire Münzen sind zu erkennen. Wird das wohl reichen oder brauche ich eine Telefonkarte?
Mit zitternden Händen greife ich zum Telefonbuch.
Alfredo Carogi
Antonio Carogi
Emilia Carogi
……..
Etwa dreißig Carogis gibt es in Mailand, peile ich über den Daumen, nachdem ich das Telefonbuch aufgeschlagen hatte. Ich nehme zaghaft den Hörer ab und höre das Klimpern der fallenden 200 Lire Münze.
Ich beginne mit meiner Telefonaktion ganz oben bei Alfredo Carogi.
Haben Sie eine Verwandte, die Adriana heißt? frage ich in Deutsch.
Der Mann am anderen Ende der Leitung versteht mich nicht.
Ich versuche es mit ein paar Brocken italienisch.
Adriana, non conoscio, (kenne ich nicht) sagt eine krächzende Männerstimme.
Enttäuscht lege ich den Hörer auf.
Weiter geht es bei Antonio Carogi. Ich wiederhole meine Frage von vorhin. Die Antwort lautet:
Aber ja, sie ist meine Tochter. Warum?
Wir haben uns vor 19 Jahren am Camping Wasserfall in Ora gesehen.
Ich vernehme ein Lachen im Hintergrund. Aber ich kann mich nicht an Sie erinnern, spricht der fremde Mann am Telefon.
Das glaube ich schon, pflichte ich bei.
Möchten Sie Adriana wieder sehen? fragt der fremde Mann am Telefon.
Si, aber ja, stammle ich. Ich habe mein Ziel erreicht. Adriana lebt.
Ja, Adriana ist verheiratet, heißt jetzt Bertoluzzi. Das Wort verheiratet läßt mein Herz ein Stück tiefer sacken, einen Teil meiner Träume zerplatzen.
Ich gebe Ihnen Adresse und Telefonnummer, meint der freundliche Mann am anderen Ende der Leitung.
Ich greife in die Brusttasche und notiere mir die Adresse.
Adriana Bertoluzzi
Via Fausta 7.
Milano.
Ich balle die Faust, schüttle kurz darauf den Kopf und verlasse die Telefonzelle mit gemischten Gefühlen. Ich bewege mich zwischen Triumph und Nachdenklichkeit.
Der alte Mann, der vor der Zelle steht, wundert sich über mich, das entnehme ich seinem Gesicht. Ich eile zum Wagen, greife ins Handschuhfach und speichere die Adresse im Organizer. Gemächlich falte ich den Zettel mit Adrianas Adresse zusammen und lege ihn in der linken Konsole meines Autos ab.
Mein Entschluß lautet:
Ich werde Adriana nicht anrufen, sondern zunächst ihr Haus ausfindig machen.
Die Autofahrer hinter mir hupen. Italiener hupen ständig und das macht mich nervös. Ich stelle meinen Wagen in der nächsten Parklücke ab und fahre mit dem Bus in die Innenstadt.
Im Zentrum blicke ich mich suchend um und finde auf Anhieb eine riesige Buchhandlung.
Soll ich 15.000 Lire für einen Stadtplan ausgeben? Ich bin mir plötzlich nicht mehr sicher, ob ich Adriana überhaupt besuchen soll. Doch den Stadtplan kann ich in jedem Fall brauchen, denke ich, um die Geldausgabe zu rationalisieren. Die Mailänder Innenstadt mit ihrem gigantischen Dom möchte ich schon seit Jahren besuchen, jedoch im Moment interessiert mich die gigantische Kathedrale wenig. Ich bin von dem Gedanken, Adriana zu sehen, erneut besessen. Auf der Busfahrt zurück zum Wagen studiere ich das Straßenverzeichnis.
Adrianas Haus befindet sich im Norden Mailands. Im Nebeldunst sind die Ausläufer der Alpen zu erkennen. Die via Fausta befindet sich in einer noblen Gegend.
Vor dem rosa verputzten Haus steht eine italienische Kombilimousine.
Zwei schwarzhaarige Kinder kreischen im Garten. Sie zanken sich um ein rostiges altes Dreirad. Ein kleiner etwa vierjähriger Junge packt sein Schwesterchen am langen, dunklen Haar. Ich bleibe im Wagen sitzen und greife zu einer Automobilzeitschrift, die auf dem rechten Vordersitz liegt, um mein Gesicht zu verbergen. Dieses Detektivspiel ist prickelnd aufregend. Ich verberge mein Gesicht, obwohl ich eigentlich keinen Grund dazu habe.
Plötzlich tritt eine junge blonde Frau auf die Terrasse. Sie schimpft unbekannte Worte. Vermutlich ist es Adriana, meine einst geliebte Adriana. Ihr Haar ist immer noch so blond wie damals vor zwanzig Jahren. Das Gesicht der jungen Frau kann ich nicht genau erkennen. Ich lege den ersten Gang ein und fahre etwa 500 Meter stadtauswärts. Ich weiß in diesem Moment nicht, was ich weiter tun soll. In meiner Brust breitet sich ein unangenehmer Druck aus, die Hände sind schweißnass.
Ich habe schrecklichen Durst, Zunge und Gaumen sind trocken wie Stroh. Mir ist nach kühlem Coca-Cola. An der nächsten Ecke befindet sich ein kleiner Laden. Alimentari steht in uralten verwitterten Buchstaben über der Eingangstür. Freundlich ertönt die Ladenschelle, doch kein Mensch ist zu sehen. Ich rufe laut: Buon Giorno!
Ich höre langsame Schritte. Ein uralter Mann mit schneeweißen Haaren und tiefen Furchen an der Stirn reicht mir die rote Dose, die ich auf dem Trottoir gierig öffne. Die schwarzbraune Zuckerbrühe spritzt mir ins Gesicht und verschmutzt den hellen Pullover. Ich fluche: Porca miseria! Mit einem weiß-blau gemusterten Taschentuch trockne ich die feuchte Stirn und lege den Pullover auf dem Rücksitz ab.
Ich stelle den Wagen vor Adrianas Haus ab und gehe die Straße auf und ab.
Soll ich einfach hingehen und klingeln? Wird sie mich für einen Hausierer oder Vertreter halten? Wird sie überhaupt öffnen?
Ich steige wieder in den Wagen und warte. Zehn Minuten werden zur Ewigkeit. Ich verlasse den Wagen und trete an den Maschendrahtzaun.
Ich fasse all meinen Mut und rufe: Scusi!
Scusi, wiederhole ich.
Ich schwitze, obwohl die Temperatur erträglich ist. Ich zupfe am durchgeschwitzten Poloshirt herum. Adriana tritt an den Zaun.
Kannst du dich an mich erinnern, damals am Camping Wasserfall? stammle ich.
Adriana schüttelt den Kopf. Sie kann sich nicht an mich erinnern. Schade.
Trotzdem bietet sie mir Cappuccino an. Sie öffnet die Tür und ich nehme auf der Terrasse Platz. Die Kinder zanken sich immer noch, diesmal um eine schwarze Babypuppe. Adriana droht mit erhobenem Zeigefinger. Die Kinder zanken sich weiter um die Puppe.
Ich vermeide es, Adriana ins Gesicht zu schauen. Ihr Gesicht ist um die Augenpartie faltig geworden. Akne narben und rote Flecken entstellen ihr Gesicht. Ihre Nase kommt mir länger und stärker gebogen als damals vor.
Es gibt einen Crash in meinem Kopf. Die vergessene und wieder aufgeflackerte Liebe bricht zusammen wie ein Kartenhaus. Adrianas Nase hatte mich damals am Camping Wasserfall nicht gestört, mich nicht an meiner Liebe zu ihr gehindert. Ich nippe nervös an der Kaffeetasse. Ich blicke auf die Uhr, es ist kurz nach vier Uhr. Wir schweigen eine gute Minute. Krampfhaft suche ich nach einem Gesprächsthema. Ich erzähle in unbeholfenem Italienisch von meinem letzten Urlaub in Kroatien.
Roberto, Adrianas Ehemann, kommt um halb fünf nach Hause. Er trägt einen hellgrauen Anzug. Höflich verneigt er sich und schüttelt meine Hand. Was wäre, wenn ich Adriana geheiratet hätte? Wäre ich glücklich geworden?
Ich habe plötzlich das Bedürfnis zu fliehen. Ich muß weg. Diese Familie ist so normal wie Millionen andere in Europa. Angst vor der Nähe, vor der Enge beherrscht mein Wesen. Nein, ich bin nicht der Mensch für eine Familie. Ich muß weg von hier.
Nach einem kurzen Smalltalk mit Roberto verabschiede ich mich, setzte mich in den Wagen und brause davon in Richtung Neapel.
© Stefan Böck
Künstlername: Steve Frontera
Augsburg
Auszug aus meinem Roman
Der erfolgreiche Kaufmann Morjakin (50) ermöglicht dem Escort Girl Warja das Romanistikstudium in Florenz. Morjakin liebt Warja abgöttisch, weil sie seiner Tochter Tatjana, die bei einem tragischen Unglück ums Leben gekommen ist, zum Verwechseln ähnlich sieht.
warja in italien
Inzwischen war es Mitte Oktober des Jahres 95 geworden. Warja verblieben bis zum Beginn des Semesters nur noch wenige Tage. Sie musste sich Bücher und Hefte beschaffen, die insgesamt 200.000 Lire kosteten. Jeden Nachmittag besuchte sie das kleine Cafe in der Nähe ihrer Unterkunft und nahm einen Cappuccino zu sich. Für Lebensmittel hatte sie in einer Woche über 100.000 Lire ausgegeben. Außerdem hatte sie sich ein hübsches rotes Kleid gekauft. Nach kurzer Zeit hatte sie einen großen Teil ihres Geldes verbraucht
Warja hatte Grigori versprochen, ihm einmal pro Monat einen Brief zu schreiben. Die Briefe sollten an das Geschäft in Pavlovka adressiert sein, damit sie Grigoris Ehefrau Alexandra nicht in die Hände fallen könnten. Grigori hatte Warja zugesagt, ihr pro Quartal eine Million Lire zu überweisen. Sei sparsam mit dem Geld, das ich dir dagelassen habe, ich bin kein Krösus, so hatte er ihr bei der Verabschiedung am Flughafen geraten. Kaum war Grigori wieder in Russland, erreichte ihn ein Brief in dem unter anderem zu lesen war: Ich danke dir für deine Großzügigkeit, doch Italien ist teuer, ich habe mein Geld innerhalb von wenigen Tagen ausgegeben, bitte überweise mir zwei Millionen Lire. Grigori sah die Gefahr, seine Geliebte könne wieder auf den Strich gehen, deshalb entschloss er sich, ihr das Geld zu senden.
Es dauerte nicht lange, bis Warja einen jungen Lover fand. Es geschah, als sie alleine auf der Piazza vor dem großen Dom stand. Fasziniert vom gigantischen Bauwerk, in Träumen versunken stand sie da. Ein junger Mann mit dunklem lockigem Haar sprach sie an.
Ciao, wie geht´s, wie heißt du? fragte er. Der junge Mann war selbst überrascht, als Warja ihm zulächelte und sich auf einen Cappuccino einladen ließ. Sie liebte den Duft des gepressten Kaffes, sie liebte den Charme, mit dem sich die italienischen Männer bewegten. Mein Name ist Warja, sprach die Zwanzigjährige. Sei Tedesco? fragte der junge Italiener. No, russi! Der junge Mann schüttelte zunächst den Kopf, dann lächelte er. Du bist die erste Russin, die mir hier in Firenze begegnet ist. Erzähle mir ein wenig von deinem Heimatland!
Der junge Mann stellte sich mit dem Namen Roberto vor.
Ich bin Student der Elektrotechnik. Die junge Russin war begeistert vom charmanten Auftreten des Italieners. Er schien ein zurückhaltender und gebildeter Mensch zu sein.
Ich werde dir, wenn du Lust hast, morgen die Umgebung der Toskana zeigen. Ich werde dich abholen, schlug Roberto vor. Am nächsten Tag fuhr Roberto mit seinem alten rostroten Fiat Regata vor, es folgte eine Fahrt durch die Hügel der Toskana zu einem abgelegenen Parkplatz. In Kessel des Arnotals, im Zentrum der Stadt hatte ein schwül warmes Wetter geherrscht. Auf den Hügeln dagegen wehte ein sanfter, frischer Wind. Zypressen, Olivenbäume und Hartlaubbüsche, insgesamt eine völlig andere Vegetation, wie sie Warja von Russland kannte, bestimmte die Natur. Es war eine abwechslungsreiche Vielfalt, die der von Russland gewohnten Weite entgegen stand. Auf einem Hügel stand ein Schlösschen, mit zart rosa getünchter Fassade. Es war Spätherbst, die Weinlese war zum größten Teil abgeschlossen. Die Weinstöcke begannen ihre Blätter zu verlieren, sie wirkten ohne ihre Reben nackt.
Ist es nicht herrlich hier, wiederholte Warja immer wieder. Roberto, der in dieser Gegend aufgewachsen war, nahm die Schönheit der Landschaft weitaus weniger bewusst wahr. Er blickte während der Autofahrt immer wieder kurz zur Seite, um Warja ins Gesicht blicken zu können.
Roberto trug eine hell beige Sommerhose aus Baumwolle und ein grün lila gestreiftes Polohemd. Seine Gesichtszüge waren angespannt, die Bewegungen nervös.
Du bist ein Engel, sprach er und begann, nachdem er den Wagen abgestellt hatte, Warjas blondes Haar zu streicheln. Kurze Zeit später küsste er die junge Russin. Sie sehnte sich sehr nach einem jugendlichen Körper, nachdem sie fast ein Vierteljahr anhaltend mit keinem anderen Mann als Morjakin geschlafen hatte. Der 22- jährige Roberto hatte einen kräftigen, jedoch nicht übermäßig muskulösen Körper. Es war ein erotischer junger Körper, so großzügig und liebenswürdig Grigori Morjakin auch gewesen sein mag, sein Bauch war wabbelig und sein Gesicht zeigte bereits deutliche Spuren des Alters. Tiefe Falten hatten sich im Bereich der Augen gebildet.
Nach einem Spaziergang durch die Hügel machte Roberto den Vorschlag, zurück nach Florenz zu fahren. Kommst du noch ein wenig zu mir in meine kleine Studentenbude? fragte er Warja. Die junge Russin sehnte sich sehr nach körperlicher Liebe und zeigte sich sofort einverstanden. Roberto bewohnte ein winziges Appartement eines siebenstöckigen Betonblocks nahe der Stadtmitte, sein Studierzimmer mochte gerade 12 qm groß sein. Roberto bereitete für seinen Gast ein Pfund Spagetti mit Tomatensauce zu. Nach der ausgiebigen Mahlzeit zwinkerte der junge Mann Warja zu und wendete seinen Kopf. Sein Blick fiel nun auf das schmale mit blauem Stoff überzogene Bett. Warja verstand dies als stumme Aufforderung. Sie erlebte zusammen mit Roberto zärtliche und lustvolle Stunden. Das Spiel der Zungen stillte vorübergehend Warjas unersättlichen Hunger nach Liebe. Roberto berührte Warjas Brüste zärtlich und dachte: Eine Traumfigur. Dieses Mädchen sieht aus wie ein Modell aus den Zeitschriften. Ich habe mir Zeit meines Lebens ein hübsches Mädchen gewünscht. Welch ein Glückspilz bin ich doch. Roberto küsste Warjas Brustwarzen er nuckelte daran wie ein Säugling.
Die junge Russin trug einen roten, mit Rüschen verzierten, Tanga-Slip, der für Roberto interessantesten Körperteil noch verhüllte. Ihre Haut war zart, von elfenbeinfarbenem Ton. Leberflecke und Sommersprossen waren nicht vorhanden.
Warjas Beine erschienen in Robertos Augen androgyn. Langsam zog Roberto den Slip seiner Freundin herunter und das Körperteil, das Warja eindeutig zum weiblichen Wesen machte, kam zum Vorschein. Für Roberto waren ihre Schamlippen schöner als jede Blume, schöner als jeder Mund. Rot, die Farbe mit der Natur geizig ist.
Warja stöhnte. Fick mich! rief sie mit gedämpfter und dennoch nachdrücklicher Stimme. Bevor Roberto in sie eindrang, berührte er Warjas Klitoris für ein paar Sekunden mit der Zunge. Der würzig weibliche Geruch ihres Geschlechts, führte Roberto in den siebten Himmel der sexuellen Lust. Die Tropfen ihrer Scheidenflüssigkeit auf der Zunge zu spüren waren ein besonderer Genuss der besonderen Art. Der Geschlechtsakt selbst dauerte nur wenige Sekunden. Schon nach wenigen Stößen ergoss sich die weiße Flüssigkeit in Warjas schlanken Körper. Warja richtete sich auf, sie hatte am vergangenen Tag ihre Periode gehabt, eine Schwangerschaft war nicht zu erwarten. Trotzdem ergriff sie ein Papiertaschentuch und wischte sich den Samen aus ihrem Unterleib.
Am folgenden Tag unternahmen die beiden einen Stadtbummel. Warja war hingerissen von der gigantischen Kuppel des Doms, eine vergleichbar große Kirche hatte sie noch nie besucht. Die profanen Dinge, die in den Schaufenstern ausgestellt waren, faszinierten sich allerdings noch mehr.
In die Schaufenster zu blicken, bedeutete für Warja einen ständigen Verzicht, die Vielzahl der Waren, erweckten in ihr eine Gier nach den Konsumgütern. Es wurde zur Selbstverständlichkeit ein Auto zu fahren und ebenso gut wie die Italienerinnen gekleidet zu sein. Doch das Geld, das ihr Grigori überwies, reichte gerade zur Deckung der Grundbedürfnisse. Auch ihr Freund Roberto musste sparen, er musste mit 500.000 Lire, die er von seinem Vater, einem mittleren Beamten bekam, auskommen. Warja sah täglich Dinge, die sie sich nicht leisten konnte, was sie frustrierte. Sie geriet in einen Gewissenskonflikt. Auf der einen Seite wollte sie ein bürgerliches Leben beginnen, sie kannte Roberto zwar erst seit ein paar Tagen, doch er schien ein verlässlicher Partner zu sein. Nach Abschluss seines Studiums würde er, sofern er einen Job bekäme, ein gutes Einkommen haben um eine Familie zu gründen. Auf der anderen Seite lockte die Versuchung auf dem Strich täglich eine halbe Million Lire zu verdienen.
Es war ein heißer Oktobertag, an dem Warja alleine mit ihrem roten Fiat Uno einen Ausflug ans Tyrrenische Meer unternahm. Goldgelber breiter Strand, es roch nach Sonnencreme und Pinien. Ein zweijähriges Mädchen trug einen roten Ball zwischen den Beinen. Ein siebenjähriger Bub, vermutlich der Bruder raubte ihr den Ball. Aus einem glücklichen Kindergesicht, rannen Tränen. Das Kleinkind stammelte ein paar unverständliche Worte. Ihr Großvater, ein grauhaariger alter Herr, drückte das kleine Mädchen an seinen mit Speckröllchen versehenen Bauch. Das kleine Mädchen zog einen Schmollmund. Warja las in ihren Augen, den schmerzhafte Abfindung mit der Situation. Der Schlüssel zu unserer komplexen Seele liegt in der Kindheit.
Kinder weinen, wenn ihnen etwas weggenommen wird oder wenn sie geschlagen werden. Wie oft raufen Kinder, wie oft streiten sie über Gegenstände.
Haben wollen dessen, was die Erwachsenen geschaffen haben.
Ausgesprochene Bosheit, gepaart mit Unbedarftheit, so sind Kinder.
Haben wollen, Spielen und Schaffen, mit diesen drei Verben kann man das spezifisch menschliche der Kreatur, die sich die Welt untertan gemacht hat, bezeichnen.
Das Schaffen, das edelste menschlichen Privilegien.
Das Schaffen, das edelste der menschlichen Privilegien. Wie schön, wenn ein Kind ein Bild malt. Ist das haben wollen, das Böse?
Im November des Jahres 95 begann Warja mit dem Studium der Romanistik. Am Montag waren vier Stunden Italienisch Sprachkurs angesagt. Der erste Tag an der Universität wurde zu einem Abenteuer. Warja befand sich in einer völlig neuen Umgebung. Auffallend viele Mädchen aus allen Ländern der Welt besuchten den Italienischkurs. Unter den vierzig Teilnehmern waren nur sieben Buben. Warja nahm neben einer zierlichen Asiatin Platz. Als sie vielen Mädchen erblickte, wurde ihr bewusst, dass sie eigentlich nie eine richtige Freundin gehabt hatte. Warja beschloss, an diesem Zustand etwas zu ändern. Sie war auf der Suche nach einer Beziehung jenseits der Erotik. Sie wollte das Gefühl, schlichtweg als Mensch und nicht als Sexualobjekt geliebt zu werden kennen lernen.
Am Dienstag stand die Vorlesung zur Literaturgeschichte an. Prof. Willi Bichelmeier, ein kleiner dicker Südtiroler leitete diese Veranstaltung. Am Mittwoch folgte der Anfängerkurs in Französisch. Warja hasste vor allem den Donnerstag, vormittags fand ein Seminar zur Sprachgeschichte statt und nachmittags eine Grammatikübung. Warja musste nicht nur die Vokabeln der aktuellen Sprache büffeln, sondern auch Wörter und Grammatik aus der Sprache des Mittelalters erlernen. Studieren ist etwas Mühseliges, so dachte sich die Russin, denn sie hatte Schwierigkeiten, die Vielzahl der Vokabeln zu behalten. Besonderen Verdruss bereiteten ihr die Grammatikübungen. Grammatik ist etwas Scheußliches. Sie besteht aus Hunderten von Regeln und Vorschriften. Die Muttersprache beherrschen wir, ohne die Bedeutung von Akkusativ und Dativ zu kennen. Wir müssen die Konjugationen und Deklinationen nicht auswendig lernen. Wir lernen sie scheinbar spielend, unsere Muttersprache. Schon ein vierjähriges Kind spricht in der Regel eine unverkennbare Mundart. Die Erwachsenen dagegen könne eine Fremdsprache nur über ein riesiges Sprachtheoriegebäude erlernen. In der gesprochenen Sprache nehmen wir Grammatikfehler anstandslos hin, manchmal begehen wir sie sogar bewusst. Warja hasste die Grammatikregeln, wie sie die Vorschriften ihres Vaters gehasst hatte.
Auch Gedichtinterpretationen bereiteten Warja alles andere als Vergnügen. Rhythmus und Reim pressen Gedanken und Gefühle in ein Korsett, so meinte sie. L´art pour l´ art. Die Kunst der Kunst wegen? Nein! Nein, die Sprache ist ein Medium, ein Mittel der Kommunikation. Sie ist ein Mittel, das dazu dient, sich selbst und die anderen und die Welt zu verstehen.
Die Sprache an sich, kann sie schön, beziehungsweise unschön sein? Warum wird die italienische Sprache von so vielen Menschen als schön empfunden? Ich mag die Silbe lino. Als ich ein achtjähriges Mädchen war, konnte ich im Park unserer Stadt eine italienische Familie beobachten. Zwei kleine Zwillingsmädchen, höchstens vier Jahre alt, spielten mit einem winzigen schwarz weiß gemusterten Mischlingshündchen. Es war Sommer, Hitze herrschte in Russland. Die beiden Mädchen trugen lediglich einen pinkfarbenen Bikini. Eines der beiden Mädchen bückte sich, streichelte das Hündchen und sprach: Canelino Hat mich dieses Erlebnis nach Italien geführt?
Schon vier Wochen nach Beginn der Vorlesungen, ließ Warjas Eifer am Studium der Romanistik nach. Sie wünschte sich nun Soziologie zu studieren.
Warja begann sich selbst als liederliche Person zu sehen, die keine Ausdauer hätte, sich im Studium durchzubeißen und stattdessen das schnelle Geld als Liebesdienerin suchte. Ihr Freund Roberto war sehr stark mit dem Studium beschäftigt, trotzdem versuchte er, soviel Zeit wie möglich mit Warja zu verbringen.
Er hätte es vermutlich nie für möglich gehalten, dass Warja in Moskau als Hure gearbeitet hatte. Roberto war ein Morgenmensch, er stand gewöhnlich um sechs Uhr morgens auf und paukte für das Studium. Aus diesem Grund fiel er immer gegen 21 Uhr in tiefen Schlaf, er hatte einfach keine Lust mehr auszugehen. Inzwischen war es auch in Italien trüb und herbstlich geworden. Warja lief mit einem dicken Mantel durch die Straßen, sie suchte nach einem Platz, wo sie ihren Körper zum Verkauf anbieten konnte. Wie eine Marionette wurde sie von einem inneren Zwang bewegt, die Plätze, an denen die Strichmädchen herumstanden, aufzusuchen. Sobald sie sich jedoch einem solchen Platz näherte, wurde sie verjagt. Geliebt zu werden und damit überdurchschnittlich viel Geld zu machen, war für Warja eine positive Erfahrung, die sie aus Russland mitgebracht hatte. Sie sah ihre Kunden nicht als sexgierige seelenlose Wesen, sondern als liebebedürftige Menschen. Mit dieser Einstellung war es ihr in Russland gelungen, treue Kunden, es waren zumeist ältere Männer, zu finden. Sie bot nicht nur ihren Körper zum Verkauf an, sondern sie versuchte auch Wärme und Zärtlichkeit zu geben. Als sie von den Straßendirnen verjagt wurde, wurde sie von einem ca. vierzigjährigen Mann angesprochen, der ihr 200.000 Lire für eine Nacht bot. Der großzügige Freier war etwa 40 Jahre alt, er war mittelgroß und hatte bereits eine Halbglatze. Er stammte aus Süditalien und hatte geschäftlich mit dem Vertrieb von technischen Geräten zu tun. Er fasste Warjas Hand und meinte: Komm mit mir ins Hotel. Warja folgte ihm, die beiden spazierten durch eine enge, winklige Gasse. In der Gasse befand sich der Eingang zu einem von außen unauffällig wirkenden Hotel. Die Hotelzimmer waren nach Warjas Geschmack hübsch eingerichtet und mit Fernsehen und Radio bestückt. Hellgraue Möbel die mit grünen Leisten bestückt waren bestimmten das Ambiente. Der fremde Mann stellte sich vor: Mein Name ist Franco Mazzolini, ich wohne in der Nähe von Neapel. Hast du Neapel schon gesehen? Ich bin zum ersten Mal in Italien, ich kenne eigentlich nur Florenz, aber ich habe die Alpen gesehen. Es war großartig, durch das Etschtal auf der Autobahn zu fahren. Die steilen schroffen Felswände links und rechts dieses Tales, einfach großartig. Aber auch die sanften Hügel der Toskana sind nicht minder schön. Ich liebe sie, die Berge hier in Italien. Franco Mazzolini erzählte ständig von Süditalien, er schimpfte über die angeblich mürrischen und kleinlichen Mailänder. Auf jeden Fall war er sehr stolz, ein Neapolitaner zu sein. Franco setzte sich auf die Bettkante und hängte sein edles dunkelblaues Sakko in den Schrank. Er knöpfte sein weißes Oberhemd auf, auf seiner Brust waren sehr viele dunkle Haare zu erkennen, die auf Warja erotisch wirkten. Die erotische Spannung löste sich in Luft auf, als Mazzolini sich seiner Hose entledigte. Er hatte dünne, ebenfalls stark behaarte Beine. Sein Penis war klein und beschnitten.
Franco wollte nach ein paar eiligen Küssen schnell zur Sache kommen. Er zog sich ein Kondom über und meinte lächelnd: Wollen wir Liebe machen? Das Aufziehen des Kondoms verursachte ein nüchternes, unromantisches Geräusch, der sanfte Geruch von Latex lag in der Luft. Die Benutzung der Pariser, erinnerte Warja gewöhnlich an die Arbeitswelt, an Markthallen und Fabriken, an das Einwickeln von stinkenden Fischen und technischen Geräten. Könnten Kondome sprechen, würden sie sagen: Ich vertraue Dir nicht! Du könntest ja Aids haben. Du könntest schwanger werden. Wir könnten ein Kind bekommen, das uns aneinander schmiedet, obwohl wir uns nicht lieben.
Warja legte sich auf den Rücken und ließ sich ficken. Er stöhnte laut: Ah! Bella, bella ragazina! wiederholte er immer wieder und lächelte. Der Verkehr bereitete Warja keine besondere Lust. Sie hoffte, Franco würde bald zum Erguss kommen. Nach ungefähr drei Minuten war es soweit. Ich komme! rief Franco und verlangsamte seine Bewegungen. Der Samen ergoss sich in die Spitze des Kondoms.
Geh raus und halte das Kondom fest! befahl Warja. Mazzolini zog sein Glied aus Warjas Scheide, ergriff ein Taschentuch, entledigte sich des Präservativs, hielt es für kurze Zeit unter die Lampe wie eine eben gewonnene Trophäe, machte einen Knoten hinein und warf es mit einer abfällig wirkenden Handbewegung in den Papierkorb. Franco lächelte freudig, er schien einfach immer zu lächeln. Er drückte Warja einen Kuss auf die Wange.
Der selbstbewusste Kaufmann Mazzolini strahlte im Verhältnis zu Roberto wesentlich mehr Lebensfreude aus. Roberto litt zu sehr unter dem Druck seines Studiums. Er hatte ständig Angst zu versagen. So sehr er Warja liebte, er konnte dennoch sehr wenig Zeit mit ihr verbringen. Mit Roberto habe ich mir einen kleinen Versager eingehandelt, so meinte sie und ihre Liebe zu ihm erlosch. Ich muss mich ja nicht gleich an den erst besten Mann binden, dachte sie. Roberto tat ihr ein bisschen leid, als sie ihn am Morgen nach der Liebesnacht mit Franco Mazzolini beschloss mit Roberto Schluss zu machen. Du kannst mich einmal in Neapel besuchen, schlug Franco vor, der nach dem Mittagessen in seinen BMW 735 stieg und nach Neapel zurückreiste. Zuvor gab er Warja eine Visitenkarte, auf dem eine Mobiltelefonnummer stand. Ruf mich unter dieser Nummer an, aber nur bis 16 Uhr, schlug er vor. Warja vermutete, Franco könnte verheiratet sein, nachdem er das gesagt hatte. Bist eigentlich verheiratet?, fragte sie ihn. Franco zögerte ein wenig und nickte. Ja, aber ich liebe meine Frau nicht mehr, sie ist ein alter herrschsüchtiger Drachen, lachte Franco. Er knallte die Autotür zu und brauste davon, wobei die Reifen quietschten. Warja machte einen kleinen Stadtbummel. Sie beschloss, sich von den 200.000 Lire, die ihr Franco gegeben hatte, ein schönes Kleidungsstück zu kaufen. Warja betrat einen mittelgroßen Jeans Store. Oberflächlich betrachtet, könnte man meinen, Jeans seien der Ausdruck einer selbst auferlegten Bescheidenheit in der westlichen Welt. Doch es gibt den feinen Unterschied, viele Menschen stehen auf Jeans einer bestimmten Marke. Und diese exklusiven Marken sind teuer. Jeans sind der Versuch, sich im uniformen individuell auszudrücken. Warja betrachtete die verschiedenen Jeans, es waren Hosen für 20.000 Lire und Modelle von Levis für 160.000 Lire dabei. Warja entschied sich für eine Riffle Jeans für 60.000 Lire und stellte sich die Frage: Kaufe ich bei den ganz teuren Hosen in erster Linie die Qualität oder den Markenname? Warja erinnerte sich an eine Vorlesung, deren Thema das Buch Die kleinen Unterschiede des berühmten französische Soziologe Pierre Bourdieu war. In der Tat, die Unterschiede im Lifestyle zwischen der Oberschicht und der Unterschicht, sind auch hier in Italien auf den ersten Blick wirklich nicht sonderlich groß. Mit Hilfe einer soziologischen Arbeit könnte man zum Beispiel herausfinden, ob das Tragen von Markenjeans, schichtspezifisch ist. Stimmt die Vermutung, dass die Menschen, die mehr Einkommen zur Verfügung haben, mehr Geld für teure Markenhosen ausgeben. Warja verspürte nun Lust, während des Studium solchen und ähnlichen Fragen nachzugehen. Ihr größtes Problem war die mangelhafte Beherrschung der italienischen Sprache. Zwischen einer gewöhnlichen Unterhaltung und dem Verstehen eines soziologischen Inhalts ist ein gewaltiger Unterschied.
In der Arbeit von Bourdieu geht es um den Faktor Kulturelles Kapital, der neben dem ökonomischen Kapital von Bedeutung ist. Warja dachte, sie hatte ein wenig Hunger, an die Esskultur.
Hier in Italien kannst du für dieselbe Mahlzeit, sagen wir einen Teller Spagetti mit Fleischsoße, 5000 Lire ausgeben, du kannst aber auch 15.000 Lire ausgeben. Der Unterschied besteht allerdings viel weniger in der Art der Zubereitung des Essens, sondern vielmehr im Ambiente. Im feinen Ristorante verbeugen sich die Kellner höflich, sie legen die Hand auf den Rücken, wenn sie Wein ausschenken und vor allem es geht leise und dezent zu. In der billigen Trattoria sind die Tische mit einfachen karierten Tischdecken überzogen, manchmal sind sie auch schmutzig. Lebhaften Gebrülls scheint der Hauptwesenszug der italienischen Unterschicht zu sein, so empfand Warja. Manchmal verspürte sie sogar Angst, wenn sie die Männer auf der Piazza lauthals gestikulieren und streiten sah. Im Laufe des Herbstes waren die Menschen, die sich auf der Piazza trafen, weniger geworden. An kühlen Tagen standen nur noch vereinzelt Gruppen auf den großen Plätzen der Toskanametropole.
Die lebhafte Geschäftigkeit der Italiener verlagerte sich in die Bars. Der Duft des gepressten Kaffees lockte Warja immer wieder in die zahlreichen Stehlokale.
Inzwischen war der Winter ins Land gezogen. Kalte, böige Winde wehten durch die Gassen und wirbelten weggeworfenen Abfall auf. Regen verband sich mit Straßenstaub sorgte für einen rutschigen Untergrund. Mit wem werde ich wohl das Weihnachstfest feiern? Werde ich vielleicht am Weihnachtsfest zum ersten Mal in meinem Leben alleine sein? Was wird mir das neue Jahr bringen? Wer wird mich ins neue Jahr begleiten? all diese Fragen stellte sich Warja.
Sie überlegte, was Grigori Morjakin in diesem Augenblick wohl machen würde. Krasnaja Sosna war an diesem Dezembertag mit einer dünnen Schneeschicht, die Puderzucker ähnelte überzogen. Die Temperatur war weit unter den Nullpunkt gesunken und erreichte in der Nacht Werte von bis zu minus zwanzig Grad. Wenn Grigori Morjakin bei klirrender Kälte das Haus verließ, wünschte er, sich mit Warja im milden Italien zu befinden. Die meiste Zeit hielt er sich in seinem Geschäft auf, er studierte Angebote und organisierte das Rechnungswesen.
Morjakin hatte Feuerwerkskörper im Wert von mehreren Millionen Rubeln bestellt. Diese Artikel hatte er im Jahre 95 neu in sein Sortiment aufgenommen. Alexandra Morjakina war der Meinung, die Böller seien angesichts der Armut im Lande eine sinnlose Verschwendung. Sie schüttelte den Kopf, als sie von Grigoris Vorhaben, der in großem Umfang in dieses Geschäft einsteigen wollte, erfuhr. Grigori setzte sich zu Alexandra auf den Diwan, legte den Arm um ihre Schultern und sprach: Raketen und Böller gehören einfach zur Silvesternacht. Arm und Reich, all das ist vergänglich. Mein Reichtum, er ist vergänglich wie das Leben. Mein Leben, es wird verglühen wie die bunten Leuchtkugeln am Himmel. Im Vergleich zur Ewigkeit ist mein Leben kurz und heftig wie der Knall eines Kanonenschlags. Der Anfang von allem hat, wenn man den Physikern Glauben schenkt, mit dem Urknall begonnen, wenngleich dieser Knall natürlich nicht mit dem eines Böllers vergleichbar ist. Es ist vielmehr das Wort Knall, das mich an den Anfang aller Dinge erinnert.
Neujahr ist das Fest der gemischten Gefühle. Das Feuerwerk ist der Höhepunkt einer Neujahrfeier, es unterstützt und verstärkt die gemischten Gefühle. Auf glitzernde Goldkugeln und Silberstreifen folgt bis zur Zündung der nächsten Rakete die bange Finsternis. Ebenso folgt der Freude auf ein rauschendes Fest in der Regel depressive Katerstimmung. Silvester ist der Zeitpunkt, zu dem wir Bilanz ziehen. 1995 war das Jahr der Schicksalsschläge, das kann ich jetzt schon sagen. In zwei Wochen werden wir das Weihnachtsfest feiern. Ich weiß nicht, wie ich dieses Fest ohne Tanjas strahlende Augen überstehen werde, sagte Alexandra und verbarg ihr Gesicht hinter den Händen.
Warja rief Mazzolini schon am übernächsten Tag an, sie musste es 20 Mal versuchen, bis er ihn am Apparat hatte, die Leitung war ständig besetzt oder es meldete sich niemand. Warja hatte schon befürchtet, Franco könnte ihr eine falsche Nummer gegeben haben. Schließlich meldete sich Franco und meinte: Ich habe ständig mit meinen Kunden telefoniert, oder habe mein Handy im Auto liegen lassen.
Besuch mich nächsten Montag, ich werde dich am Hauptbahnhof in Neapel in der Schalterhalle um 14 Uhr abholen, die Zugfahrt werde ich dir selbstverständlich bezahlen. Die Freude auf Franco beflügelte Warja, sie wendete sich ihrem Studium zu und verließ für die folgenden zwei Tage ihr Appartement nicht. Mit jeder Stunde, die sie über den Büchern saß, verschlechterte sich ihre Stimmung. Sie sah sich nun wirklich als liederliches Wesen, das sich nicht abmühen wolle uns stattdessen den Männern das Geld aus der Tasche ziehe. So sehr sie sich nach Liebe sehnte, besonders lustvoll hatte sie die Nacht mit Franco nicht erlebt. Er wollte in jener Nacht gleich dreimal fare l´amore. Warja bereute nun plötzlich, dass sie mit Roberto Schluss gemacht hatte. Sein junger Körper war einfach erotischer als der des vierzigjährigen Franco. Vielleicht werde ich bald einen Mann, der noch schöner als Roberto und noch erfolgreicher als Franco ist, kennenlernen. In keinem anderen Gewerbe, wie in dem meinen kann ich mehr Männer kennenlernen, vor allem erfolgreiche Männer. Manche Männer denken negativ über die billigen Nutten, doch es gibt auch eine Vielzahl von ihnen, die sie stolz darauf sind eine Hure zu binden. Eine Untreue treu zu machen ist gerade für die Männer eine Herausforderung. Es wurde Sonntag, Warja war depressiv, sie hatte überhaupt keine Lust, das Appartement zu verlassen. Stattdessen träumte sie, mit Prinz Albert von Monaco zusammen zu sein. Sie wünschte, die Gazetten würden über ihr Liebesglück und ihre Schönheit berichten. Der Umstand eine kleine Straßendirne zu sein, bedrückte sie. Das Geld, das sie bei ihrer Tätigkeit verdiente, spielte nun eine untergeordnete Rolle, es war eher der Umstand geliebt zu werden, der sie auf die Straße trieb. Sie träumte berühmt zu sein und von den Massen geliebt zu werden. Zu Roberto könnte sie jederzeit zurückkehren, aber war er der Mann fürs Leben? Franco war 20 Jahre älter als sie, würde sie in seine Ehe einbrechen, gäbe es mit Sicherheit große Probleme. Warja stellte sich vor, wie Francos Körper mit sechzig aussehen würde. Am nächsten Tag packte Warja im Morgengrauen ihre Tasche und setzte sich in den Zug nach Neapel. Mit etwa einer halben Stunde Verspätung erreichte der Zug den Hauptbahnhof Neapel. Franco lief mit seinem Handy auf dem Bahnsteig aufgeregt hin und her, er umarmte seine Geliebte als sie aus dem Zug stieg. Der Blick auf den Vesuv und das azurblaue Meer war eine Kulisse, die die toskanischen Hügel an Schönheit übertraf, so empfand Warja zumindest. Blau wurde zu ihrer Lieblingsfarbe, es war nicht mehr das Rot, die Farbe der leidenschaftliche Liebe, die sie bevorzugte. Blau, das ist die Farbe des Wassers, die Farbe der Gelassenheit. Ich kann nicht mehr richtig lieben, dachte sie sich. Sehe ich die Farbe Rot, so erinnert sie mich an die verlorene Leidenschaft. Ich wurde schon von fast 100 Männern geliebt, ich habe ein Auto und lebe in einem der schönsten Länder der Welt und doch glaube ich, dass ein durchschnittliches russisches Mädchen glücklicher ist als ich, denn sie glaubt an die eine große Liebe. Mit dem Taxi, einem gelben Fiat Croma, fuhren Warja und Franco hinunter nach Posilippo an die Meerküste, an der sich herrliche Hotels mit Blick auf die See befinden. Der Geruch von Salz, Seetang und Dieselöl lag in der Luft. Es war kühl, doch die Sonne schien. Sie war gerade am untergehen, als die beiden in ein elegantes Restaurant betraten. Die Tische des exklusiven Lokals waren mit rosa Tischdecken bedeckt. Säulen aus Mahagoniholz teilten den Raum in Parzellen ein und schufen eine diskrete, romantische Atmosphäre. Franco suchte einen Tisch direkt am Fenster aus. Hinter der Glasscheibe glühte die Sonne rot wie ein Feuerball und versank im tiefen Blau des Mittelmeeres. Der Ober ein junger Bursche, gerade zwanzig Jahre alt, verbeugte sich leicht und überreichte je eine in hellem Leder gebundene Speisenkarte. Franco empfahl eine Platte Frutti di Mare, als erster Gang wurde ein Teller Spagetti mit Tomatensoße gereicht. Warja aß zum ersten Mal Meeresfrüchte. Nervös stocherte sie auf der Fischplatte herum, sie ekelte sich vor allem an den Saugnäpfen der Calamari und an den Schalen der Garnelen. Das tut mir leid, dass dir das nicht schmeckt. Bestell dir doch einfach ein Schnitzel, sagte Franco, der auf die Meeresfrüchte ganz gierig war. Er leckte die Schalentiere aus und machte Warja dabei Komplimente, er nannte sie blondes Engelchen und meine kleine Göttin. Der Italiener freute sich auf die Liebesnacht mit Warja, doch die hübsche Russin hatte an diesem Tag überhaupt keine Lust auf Sex. Sie überlegte sich, ob sie von ihm wieder Geld für ihre Dienste verlangen sollte, doch diese Frage erledigte sich von selbst. Franco gab ihr unaufgefordert 300.000 Lire, nachdem sie ihm erzählt hatte, dass sie sehr wenig Geld hätte. Sie verschwieg es natürlich, dass sie von Grigori Morjakin unterstützt wurde.
Ich habe meiner Frau erzählt, dass ich zur Zeit auf Geschäftsreise bin, ich werde die ganze Nacht bei dir bleiben, meinte Franco nach dem Abendessen. Er war auf Warjas Körper ebenso gierig wie auf die Meeresfrüchte und konnte es kaum erwarten, mit Warja im Bett zu liegen. So lustvoll und zärtlich er auch war, Warja verspürte keine Lust. Sie blickte immer auf ihre Billiguhr, was Franco mit Missgunst aufnahm. Er war in dem Glauben, Warja würde ihn aus ganzem Herzen lieben und seinen Körper attraktiv finden. Warum blickst du denn immer auf die Uhr? fragte Franco. Ach, das ist nur so eine Angewohnheit, antwortete Warja. Ich möchte eine Zigarette rauchen, sagte sie leise. Franco erhob sich und holte aus seinem Sakko eine Schachtel Muratti Multifilter heraus, öffnete sie und hielt sie Warja direkt unter die Nase. Zünde sie mir an! flüsterte sie. Franco brummte, erhob sich erneut und holte ein vergoldetes Feuerzeug. Warja legte sich auf den Rücken und blies den Rauch in die Luft. Im Bett zu rauchen war der Gipfel des Verbotenen aber auch der Gipfel des Genusses. Es bereitete wesentlich mehr Vergnügen, als die Zigarette im kühlen Hinterhof oder an einer kalten Straßenecke, wie sie es aus ihrer frühen Jugend gewöhnt war. Franco drehte am Radio, der im Nachttischkästchen integriert war herum. Senza te von Claudio Baglione wurde auf einem Privatsender gespielt.
Gibt es die große Liebe wie sie im Schlager besungen wird, oder ist der Glaube an sie Illusion? Ist die Behauptung, einen Menschen zu lieben nicht in den meisten Fällen Heuchelei oder gar bloße Lüge?
Franco dachte sich: Sie ist und bleibt eine kleine Nutte, so schön sie auch ist, sie wird mir nie eine treue Frau werden können. Frustriert nahm er aus der Minibar ein kleines Flaschen Whiskey und lehrte es in einem Zug. Daraufhin legte er sich schlafen. Franco konnte gut abschalten, er fiel nach wenigen Minuten in tiefen Schlaf. Als er um acht Uhr morgens mit einem Kuss geweckt wurde, wunderte er sich. Er dachte nun ähnlich wie Grigori Morjakin über sie: Sie ist ein liebes Mädchen, sie ist ganz anders als die gewöhnlichen Straßenmädchen, sie ist weitaus besser als der alte Drachen, mit dem ich zusammen lebe.
Franco hatte um 10.30 einen Termin mit einem Kunden in einer kleinen Stadt südlich von Neapel. Er drückte Warja eine halbe Million Lire in die Hand und meinte, ruf mich nächste Woche wieder an, ich werde dich in Florenz, vermutlich in 14 Tagen, wieder besuchen. Warja reiste zurück nach Florenz und wendete sich dem Studium zu, doch ihre Ausdauer währte nicht lange. Sie war es gewöhnt, geliebt zu werden. Jeder Tag, an dem sie nicht die Komplimente und die streichelnde Hand ihrer Liebhaber vernahm, wurde zu einem trüben sinnlosen Tag. Mit meinem Körper könnte ich täglich zwei Millionen Lire verdienen, doch ich bringe es nicht über das Herz, jede kleine Berührung in Rechnung zu stellen. Sie überlegte, Roberto wieder anzurufen und sich zu entschuldigen, doch sie verwarf diesen Gedanken bald darauf. Das Weihnachtsfest rückte näher und näher. In der Innenstadt, vor allem vor den Geschäften wurden Sterne und weiße Lichterketten installiert. Sie verbreiteten ein sanftes, milchiges Licht. Im Schaufenster eines Haushaltswarengeschäftes war eine Krippe ausgestellt. Maria und Josef knieten betend vor dem Jesuskind. Ochs und Esel betrachteten neugierig das Neugeborene. Eine kleine Herde Schafe graste im Vordergrund. Weihnachten wird als das Fest der Familie bezeichnet, vielleicht auch deswegen, weil die Krippen ein allzu romantisches Bild darstellen. Warja kaufte für ihre Mutter eine Postkarte, die eine Krippe darstellte. Wird auch sie das Weihnachtsfest alleine verbringen?
Warja hatte die Erfahrung gemacht, fast jeden Mann, dem sie in die Augen blickte, für sich zu gewinnen können. Möglicherweise könnte sie einen Mann aus der High Society finden. Vor kurzem hatte sie den Film High Society mit Grace Kelly und Bing Crosby im italienischen Fernsehen gesehen. Grace Kelly, das einfache Mädchen, das zum Weltstar und später zur Fürstin von Monaco wurde, sie war schon immer ihr Vorbild. Sie liebte die Filme mit Grace Kelly und träumte davon, ihren Sohn Prinz Albert kennen zu lernen. Sie träumte davon, selbst einmal an der Seite von Prinz Albert die Fürstin von Monaco zu werden. Diesen nahezu unerfüllbaren Wunsch hegte sie schon als Vierzehnjährige, als sie noch eine kleine Schülerin in Moskau war. Damals war Monaco ferne, nahezu unerreichbar. Doch heute lag es gerade vier Zugstunden von ihrem Domizil entfernt. In ihrer Phantasie sah sie sich am Hafen von Monaco stehen. Prinz Albert würde auf sie zugehen und sie auf eine Luxusjacht einladen. So unwahrscheinlich dies auch sein mochte, vielleicht gab es doch eine kleine Chance Prinz Albert kennenzulernen. Warja setzte sich am nächsten Morgen in den Zug und fuhr nach Monaco Monte Carlo. Diese Fahrt wurde zur schönsten Zugfahrt, die Warja jemals gemacht hatte. Auf die Hügel der Toskana folgten die schroffen, grünen Bergzüge des Apennins und schließlich fuhr der Zug die ligurische Küste entlang, an der sich breite Sandstrände mit steilen Felsklippen abwechselten. San Remo, die Station vor Monte Carlo, ließ bei Warja die Sehnsucht nach langsamen, melodischen italienischen Schlagern erwecken. Sie wünschte sich, erfolgreich wie Umberto Tozzi oder Gianna Nannini zu sein. Von den Massen geliebt zu werden, war für sie ein höheres Lebensziel als reich zu sein, ein großes Haus und ein teures Auto zu besitzen.
Langsam fuhr der Zug nach Monte Carlo hinein. Die Bremsen quietschten, endlich war es so weit. In wenigen Minuten würde sie vor dem Palast der Grimaldi Familie stehen.
Bevor sie die Hügel zum Palast hinaufstieg, sah sie sich die Yachten im Hafen an. Der Unterschied zwischen arm und reich in der westlichen Welt wurde ihr nie so deutlich wie an diesem Platz. Sie zündete sich eine Zigarette an und blickte hinaus auf das Meer. Es war kühl, einfach zu kühl, um längere Zeit im Freien zu sitzen, ohne zu frieren. Sie hatte die Illusion, irgend ein junger Mann aus der High Society würde sie hier unten ansprechen, sie stand etwa 20 Minuten hier unten am Hafen und blickte voller Neid auf die Reichen auf die Schiffe. Sie begann zu frieren und begab sich in eine Bar auf einen Espresso, es war eine typisch italienische Bar mit kleinen Marmortischchen und einem Tresen aus Edelstahl. In der Bar standen drei sich auf Französisch aufgeregt unterhaltende Männer herum. Sie führten ihr Gespräch fort, ohne die junge Russin zu beobachten, sie nahmen überhaupt keine Notiz von ihr. Warja konnte die französische Sprache nicht verstehen. Nachdem sie sich bei einer Tasse Kaffee aufgewärmt hatte, machte sie sich auf den Weg zum Schloss der Grimaldis. Mit hastigen Schritten überquerte sie die Straße, auf denen einmal im Jahr das Formel Eins Grand Prix Rennen durchgeführt wird, sie spazierte vorbei am berühmten Casino und erreichte nach etwa einer halben Stunde den Hügel, auf dem der Palast der Fürstenfamilie steht. Sie verweilte dort einige Minuten, am liebsten hätte sie zu den Wächtern, die vor dem Eingang des Palastes standen, gesagt: Ich bin die kleine Warja aus Russland und träume seit ich ein Kind bin, den Prinzen kennen zu lernen. Einerseits war sie glücklich darüber, in Monaco sein zu dürfen, andererseits war sie traurig, in dieser Stadt ein Nobody zu sein. Mit gemischten Gefühlen machte sie sich wieder auf den Weg hinunter zum Hafen, sie beschloss in einem preiswerten Restaurant zu Mittag zu essen. Sie spazierte an einem einfachen Restaurant vorbei. An einer Tafel am Eingang wurde ein Menü für 60 französische Franken angeboten. Unschlüssig, ob sie diese Ausgabe machen wollte, oder sich doch lieber ein Panino mit Schinken kaufen sollte, streckte sie ihren Kopf in die offen stehende Tür. Dabei hörte sie einen circa 50-jährigen Mann in einer Sprache, die der russischen sehr ähnlich war ein paar Worte murmeln. Der Mann trug einen roten Fila Trainingsanzug, an seinem Tisch saßen zwei höchstens achtzehnjährige Buben, die ihre Tennistaschen unter dem Tisch abgestellt hatte. In der Hoffnung Landsleute kennenzulernen, betrat sie das Restaurant. Fast alle Tische waren besetzt, Warja fragte in italienischer Sprache, ob am Tisch der Tennisspieler noch ein Platz frei sei. Die zwei jungen Männer nickten freundlich, der Mann im roten Trainingsanzug lächelte sie an. Warja nahm Platz, die fremden Männer sprachen über ein Trainingsprogramm in einer Tennishalle, doch ihre Sprache war nicht Russisch. Warja überlegte, aus welchem Land sie wohl kommen könnten. Sie vermutete richtig, die Tennisspieler stammten aus Tschechien. Ganz alleine hier? fragte der einer der beiden jungen Männer in französischer Sprache.
Ich spreche kein Französisch, ich bin aus Russland, sagte Warja. Aus Russland, ich habe auch schon Buben und Mädchen aus Russland trainiert, meinte der etwa fünfzigjährige Mann auf Russisch und berührte Warjas Hand. Er hatte ein rundliches Gesicht mit leicht aufgedunsenen Bäckchen, er war kein besonders schöner Mann, doch er strahlte Wärme und Geborgenheit aus. Warja freute sich, Menschen zu treffen, die ihre Muttersprache sprachen. Die beiden jungen Männer blickten Warja ziemlich schüchtern an. Sie waren Brüder und sahen einander sehr ähnlich, ihre Namen waren Jiri und Jaschek. Beide hatten langes blondes Haar und zarte hübsche Gesichter. Die jungen Tschechen träumten davon, eines Tages berühmt zu sein und ganz oben auf der Weltrangliste zu stehen. Doch im Moment waren die Kosten für das Training höher als die erspielten Preisgelder. Sie reisten durch ganz Europa und bestritten Tennisturniere. Ihre Haupteinnahmequelle war das Spielen der Punktrunde für einen Münchner Oberligaclub. Für acht Spiele bekamen die beiden jungen Männer fast 10.000 Mark, dazu kamen Preisgelder für Erfolge bei kleineren Turnieren.
Im Moment bewohnten die Männer ein Billighotel in der Nähe von Nizza, sie hatten in Monte Carlo ein Hallenturnier bestritten, doch beide schieden in der ersten Runde aus. Nach ihrem Misserfolg waren sie hier in Monte Carlo lediglich Touristen, die vom großen Erfolg träumten. Vom Restaurant aus konnte man auf einen der exklusivsten Tennisclubs der Welt hinunter blicken, doch zu diesem Zeitpunkt im Dezember waren die Plätze unbespielbar, die Netze waren entfernt und auf die Linien wurden schwere Steine gelegt. Im Frühling wird hier ein großes Turnier veranstaltet, ich wünschte meine Schützlinge könnten Einestages daran teilnehmen, hoffte der Trainer, der sich als Vaclav Hrabac vorstellte. Warst du schon einmal in Nizza? fragte er, es ist eine herrliche Stadt. Nein, ich wollte eigentlich nur einen Tagesausflug nach Monaco Monte Carlo machen, antwortete Warja. Ich weiß in Nizza ein kleines Hotel, in dem du für 80 Francs übernachten kannst, Ich bin mit dem Auto hier, wenn du Lust hast kann ich dich mit nach Nizza nehmen.
Das Restaurant, in dem Warja zu Mittag gegessen hatte, befand sich in unmittelbarer Umgebung einer großen Tennishalle. Die beiden Tschechen waren im Juniorenturnier, das dort stattfand, sang und klanglos ausgeschieden. Hrabac wollte noch einen Blick in die Halle hineinwerfen und die Favoriten studieren. Er musste sich eingestehen: Auch wenn das Preisgeld für den Sieger bei diesem Turnier nur bei 10.000 Dollar liegt, die Favoriten für dieses Turnier sind einfach besser als meine Schützlinge Jiri und Jaschek. Obwohl beide noch keine 18 Jahre als waren, zweifelte Hrabac daran, sie könnten die Weltspitze erreichen. Hrabac hatte seinen zwanzig Jahre alten Skoda in einem Parkhaus etwa 400 Meter von der Tennishalle entfernt abgestellt. Parkplätze sind etwas sehr rares in dieser Stadt. Warja blickte voller Erstaunen auf die Autos, an jeder Straßenecke stand ein Rolls Royce. Sowohl sie, wie auch die jungen Tschechen mit ihrem Trainer hatten nun das Gefühl in dieser Stadt ein Verlierer, ein Loser zu sein.
Obwohl Warja mit dem Gedanken, einen Prinzen oder einen Multimillionär kennenzulernen nach Monaco gekommen war, konnte sie sich von den Tennisspielern nicht trennen. Hrabac strahlte eine väterliche Wärme aus, die sie bei ihrem eigenen Vater immer vermisst hatte und die beiden Buben waren von jungendlicher Schönheit geprägt. Auch die vertraute slawische Sprache hatte einen Einfluss darauf, bei den Tschechen in Nizza zu bleiben.
Warja setzte sich zu Hrabac ins Auto und fuhr mit ihm hinunter nach Nizza. Als sie dort ausstieg begann ein kalter Platzregen. Völlig durchnässt betrat sie das kleine Hotel in dem sich die Tennisspieler eingemietet hatten. Warja erkundigte sich nach einem preiswerten Einzelzimmer. Der Mann an der Rezeption drückte ihr einen Schlüssel für eine winzige Dachkammer im vierten Stock in die Hand. Langsam stieg sie die Treppen hinauf, die drei Tschechen bewohnten ein Dreibettzimmer im ersten Stock. Jiri, der in seinem Charakter offener und gesprächiger war als der stille Jaschek, meinte: Treffen wir uns um 19 Uhr wieder, hast du Lust mit mir und meinem Bruder auszugehen, es gibt hier schöne Bistros und Diskotheken, die wohl sehr teuer sind, aber wenn ich nur ein Cola trinke, wird es schon gehen. Vaclav Hrabac hatte im Discountmarkt Lebensmittel eingekauft und machte den Vorschlag: Du kannst bei uns im Zimmer zu Abend essen. Warja nickte. Du kannst in einer Stunde zu uns herunterkommen, ich habe Baguette und Salami eingekauft, sagte Hrabac. Ich werde mich ein bisschen ausruhen und dann zu euch herunter kommen, sagte Warja erfreut nette Gesellschaft gefunden zu haben. Sie betrat ihre kleine Dachkammer: Welch ein Unterschied zu den Hotels in denen sie die Liebesnacht mit Franco Mazzolini verbracht hatte. Rostige Abwasserrohre befanden sich unterhalb der Decke, die Matratze war schmutzig und der Lattenrost brüchig. Dafür kostet dieses Zimmer nur ein Zehntel dessen, was Mazzolini für die Nacht mit mir ausgegeben hat. Es ist alles Gewöhnungssache, die Leute die für ein Hotelzimmer gewöhnlich 300.000 Lire ausgeben, werden sich in einem Zimmer, das 100.000 Lire kostet, nicht besonders wohl fühlen. Für Menschen die in einem Zimmer wie diesem, oder gar im Obdachlosenasyl übernachten, mag ein 100.000 Lire Zimmer überaus komfortabel, ja sogar nobel vorkommen.
Man kann in einer Lehmhütte ebenso glücklich leben wie in einem Schloss. Warja erinnerte sich an den Aufenthalt mit Morjakin in Bayern. Sie dachte an den unglücklichen König Ludwig II. von Bayern, dessen Schlösser auf den Postkarten überall in Bayern abgebildet waren. Gerne hätte sie mit Grigori Morjakin ein Schloss besucht, doch er verbrachte die drei Tage am Ammersee vor dem mit Bier gefüllten Maßkrug. In einem Reiseprospekt waren die Schlösser Ludwigs II. abgebildet, doch Grigori hatte kein Interesse daran, ein Schloss zu besichtigen. Warja konnte seine Verzweiflung, die durch den Verlust seiner Tochter bedingt war spüren. In Gedanken an ihren Mäzen, den sie auf keinen Fall enttäuschen wollte, verging die Zeit sehr schnell. Um 17 Uhr ging sie hinunter in das Zimmer der Tennisspieler. Hrabac klopfte ihr auf die Schulter und meinte: Komm nur herein mein Kind, wir haben eine gute Mahlzeit vorbereitet. Der kleine Tisch war mit einer grün karierten, etwas schmutzigen Tischdecke überzogen. In der Mitte des Tisches stand ein kleiner Korb, in dem sich aufgeschnittenes französisches Weißbrot befand, daneben stand ein Teller mit feinen Wurstwaren und Käse, die Warja mit großem Appetit verspeiste. In Russland hatte sie sich oft an Wurstwaren, die von schlechter Qualität waren, geekelt. So feine Salami und Schinken wie an jenem Abend hatte sie noch nie serviert bekommen. Die Franzosen werden zu Recht für ihr gutes Essen gelobt, darin war sie sich sicher. Jiri und Jaschek verließen nach der Mahlzeit das kleine Hotel zusammen mit Warja um sich in der großen Stadt Nizza ein wenig umzusehen. Es war dunkel, vom Strand wehte ein kalter Wind, der salzige Geruch des Meeres vermischte sich mit den Abgasen der Autos. Die Afrikaner, die überall in den Straßen zu sehen waren, bereiteten Warja Angst. Es war das fremdartige Aussehen der Männer, das dieses Angstgefühl hervorrief. Wäre es nur Sommer, dachte sich Warja, man könnte dann am Strand liegen und die Wärme genießen. Die Kälte veranlasste das Trio in das nächste Bistro zu gehen. Es war ein Lokal mit kleinen Holztischen und samtroten Stühlen. Jiri bestellte eine Flasche billigen Landwein mit drei Gläsern. Sein Bruder Jaschek trank gierig den Wein in sich hinein, in der Absicht, sich nach dem Misserfolg beim Tennisturnier zu berauschen. Nachdem die drei die Flasche geleert hatten, machte Jiri den Vorschlag, eine Disco zu besuchen. Jaschek kaufte sich bei einem Lebensmittelhändler einen Flachmann mit billigem Weinbrand und steckte ihn in die Jackentasche. Es war kurz vor 20 Uhr, als die zwei jungen Männer zusammen mit Warja einen Tanzclub im Zentrum der Stadt betraten, sie waren die ersten Gäste. Erst eine gute Stunde später füllte sich das Lokal langsam. Jaschek kippte in einem Augenblick, als der Kellner in einer andere Ecke bediente, den Inhalt des Flachmanns in sein Cola und leerte das Glas innerhalb weniger Minuten. Der junge Mann ließ seine bisherige Tenniskarriere Revue passieren. Er begann, Siege und Niederlagen gedanklich aufzulisten. Der Turniersieg gegen den Bruder in Trebon, einer kleinen südböhmischen Stadt, war einer der schönsten. 7:5 im dritten Satz. Dreisatzsiege sind besonders schön. Das Glück war damals auf meiner Seite, aber es war nicht nur das Glück, ich war gut, einfach gut.
Wie viele Spiele habe ich vergessen? Trainingsspiele zu hunderten, Turnier und Verbandsspiele zu dutzenden. Nur in der Gegenwart kannst du dein Schicksal, die Zukunft beeinflussen. Was ist Gegenwart? Gegenwart ist eigentlich immer.
Wie schnell wird aus ihr Vergangenheit.
Ein vergessenes ist Spiel, ist wie ein Match, das niemals stattgefunden hat.
Jaschek war ein wenig eifersüchtig auf seinen Bruder, der mit Warja flirtete. Kurze Zeit später verabschiedete sich Jaschek mit den Worten: Mir ist kotzübel, ich gehe schlafen. Nachdem Jaschek sich verabschiedet hatte, wurden vom DJ heiße Techno Rhythmen aufgelegt. Jiri und Warja tanzen fast eine halbe Stunde ununterbrochen, danach legten sie eine Ruhepause ein und setzten sich wieder an den Tisch. Der junge Tscheche legte seinen Arm um Warja und meinte: Du bist sehr süß, ich habe mich in dich verliebt. Kurze Zeit später meinte Warja: Du kannst mit zu mir aufs Zimmer kommen, du bist sehr nett, ich habe dich gern. Jiri war begeistert von dieser Einladung, ein halbes Jahr lag sein letzter sexueller Kontakt mit einer Frau zurück.
Der Wunsch Zärtlichkeit spüren zu dürfen und Liebe zu geben ging nach langer Zeit für Jiri wieder in Erfüllung. Hand in Hand spazierten die beiden zurück zum Hotel. Jiri war nervös, viel nervöser als bei einem Tennismatch. Mit schnellem Schritt erklomm er die Treppe in freudiger Erwartung mit der blonden Russin intim zu werden. Warja war total außer Atem, als die beiden die Dachkammer erreichten. Jiri zog seinen Anorak und die Jacke aus und warf ihn auf den Boden. Warja lächelte: Du musst aber heiß sein! rief sie. Jiri kroch unter die Decke, Warja folgte langsam. Der jugendliche zarte Körper Jiris erregte sie sehr stark. Seit langem hatte sie den Sex nicht mehr so lustvoll erlebt.
Jiri hätte gerne an der Seite Warjas die ganze Nacht verbracht, doch das Bett war einfach zu klein. Er verzog sich um zwei Uhr nachts in seine Kammer, in der Hrabac und Jaschek schliefen. Jiri grübelte:
Was zählt eigentlich am Ende eines Lebens? Sind es die Erfolge im Tennis, im Beruf? Geld und Anerkennung? Die Tatsache ein unsterblicher Held in den Herzen der anderen zu werden? Ist es die Anzahl erotischer Erlebnisse? Ist es die Euphorie des Sieges?
Ist es der Wechsel zwischen Rausch und Nüchternheit? Der Wechsel zwischen den Tagen und Wochen der Mühe, des Fleißes und Disziplin und den Sekunden der Hochstimmung.
Dumpfe Seel, du wirst vergessen
wer und wo du einst gewesen
die Welt vor Schmerz und Freud
sie ist noch da, dein Geist zerstreut
Warja meinte:
Die Eltern betrachten ihre Kinder wie eigene Kreationen. Sie fühlen sich bei der Erziehung wie Designer, Töpfer oder Architekten. Diese Auffassung von Erziehung macht unsere Seelen krank, weil wir durch sie von frühester Kindheit an fremd bestimmt werden.
Wir bestehen aus wild durchgemischtem Erbgut und deshalb können wir nie ganz so wie unsere Eltern sein. Wenn man Bier mit Limonade mischt, dann kommt etwas Genießbares dabei heraus. Mischt man hingegen Bier mit heißer Milch, dann kommt nichts besonders dabei heraus. Und ganz genauso ist es mit den Kindern.
Ich tauge nicht zur Treue, ich glaube das liegt in meinen Genen.
Wer die Familie in erster Linie als Ort des Konflikts erlebt hat, wird sie hassen. Wer sie als Ort der Geborgenheit, Sicherheit und Wärme erlebt hat wird sie lieben. Wer aber beides erlebt hat, Konflikt und Wärme, der hat gute Chancen Schizophren zu werden.
Nie brennt die Liebe so heiß wie als Teenager